Terroir - das Buch

Terroir. Buch Kosmos, 2009 

Pressestimmen und ein Streitgespräch


Seit Beginn der Ziviliation begleitet uns der Wein, ist Göttertrank, Droge, Genuss ... Und heute? Mehr und mehr dominieren technisch perfekt gemachte, marktgerecht gestylte Weine den Markt. Parallel wächst jedoch die Sehnsucht nach ehrlichen, nach kulturbeseelten Weinen. Die Sehnsucht nach "Terroirwein", entstanden durch das schöpferische Zusammenspiel von Boden, Reben, Klima und der Kunst des Winzers. 


Das Buch beleuchtet verschiedene Aspekte von Terroir als Basis für eine Gegenbewegung zu industrialisiertem Fastfood in der Weinwelt


Kosmos, Stuttgart, 2009, ISBN 978 344 011 792 7  Das Buch ist mittlerweile vergriffen und nur noch antiquarisch oder als EBook erhältlich.


  • Pressestimmen

    »Der Winzer ist nicht nur ein Künstler im Grenzbereich von Chaos und Perfektion sondern auch ein Essayist von Gnaden. Authentisch, aber nicht idiosynkratisch, unorthodox, aber prinzipienfest, heimatverbunden, aber alles andere als –tümelnd« Frankfurter Allgemeine Zeitung  


    »Weinschreibe-Kultur, wie im englischen Sprachraum, die auch literarische Ansprüche erfüllt, ist hier erst im Entstehen. ‚Terroir’ von Reinhard Heymann-Löwenstein, wortgewaltiger deutscher Winzer der Oberliga zählt zu diesem neuen Genre der Wein-Literatur« Der Standart, Wien


    »Es ist außerordentlich selten, dass man als Leser von Weinbüchern so einem geistreichen Autor begegnet wie diesem. Löwenstein ist als Autor und als Winzer einer, auf den man sich verlassen kann, was persönliche Verantwortlichkeit gegenüber dem Produkt und auch was dessen Qualität anbelangt« Frankfurter Rundschau 


    »Das Buch ist ein Pamphlet. Der Schlachtenlärm, den es bisweilen entfaltet, kann sich aber in Musik verwandeln, wenn man bei der Lektüre eine gute Flasche offen hat.« Süddeutsche Zeitung 


    »Ein lesenswertes Buch hat einer der besten deutschen Winzer geschrieben.« Neue Züricher Zeitung 


    »Löwenstein ist nicht nur ein begnadeter Winzer sondern auch ein Künstler der deutschen Sprache. Immer wieder dringen sein Humor, seine nie verletzende Ironie durch. Ein Bestseller, den man nur empfehlen kann« Schweizer Winzerzeitung  


    »Reinhard Löwenstein hat ein Buch verfasst in dem er weit ausholt um kulturgeschichtliche, mythologische und philosophische Aspekte des Weinbaus und des Weintrinkens zu beschreiben« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 


    »Ein spannendes Buch, das viel über die Philosophie des Winzers vermittelt« Essen & Trinken 


    »Wo Heymann-Löwenstein mit Karl Marx beginnt, endet er mit Apollon. Dazwischen liegen – im besten Sinne der Worte – unterhaltsame und kurzweilige Seiten.« http://weinverkostungen.de  


    »Reinhard Löwenstein hat den Terroir-Begriff als Gegenentwurf zum Industriewein in Position gebracht « www.weinplus.de 


    »Ein angenehmer Verzicht auf Sendungsbewusstsein öffnet die Tür zu einem wunderbar leichtfüßigen, essayistischen Stil - jederzeit humorvoll und gelegentlich auch ein wenig bissig geschrieben« Dominik Ziller  


    »Viel gekichert, gestaunt und ein Menge gelernt. Viel mehr kann man nicht erwarten. Kompliment. Großartig!« Prof. Dr. Hans-Jörg Koch 


    »Ein Fachbuch, das spannend und unterhaltsam zu lesen ist, in manchen Passagen nachdenklich stimmt und viel Zustimmung verdient« Vinum, Zürich  


    »…ein groß angelegtes, intellektuelles Gedankenspiel rund um das Kulturgut Wein.« Rhein-Zeitung

   das Streitgespräch mit Markus Vahlefeld

  • 12. Dez. 2011 by MV

    Posted on 12. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    Du weißt, dass auch mich der Begriff Terroir umtreibt. Deswegen war ich so gespannt auf Dein Buch und auch so enttäuscht. Nein, ich hatte von Dir nicht erwartet, dass Du eine Begriffsdefinition von „Terroir“ lieferst. Dazu kenne ich Dich zu gut und weiß um Deine Abneigung gegen Definitionen. Dennoch: der Begriff Terroir steht im Titel des Buches und ich hatte gehofft, Neues zu erfahren oder zumindest eine Weiterführung dessen, was Du mit Deinem FAZ-Manifest vom 07. Oktober 2003 angestoßen hattest. Nur blieb am Ende des Tages nichts Neues übrig, zumindest nichts, was den Begriff Terroir aus seiner Beliebigkeit in eine sinnhafte Engführung überführt hätte.


    Oder doch: neu war für mich, in welcher Form Du die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise verteufelst. An insgesamt fünf Stellen kommst Du auf Rudolf Steiner zu sprechen und mehrmals stellst Du ihn in die Nähe der Nazis. Du fragst ganz explizit, ob die Winzer, die heute biologisch-dynamisch arbeiten, Steiner überhaupt gelesen haben und unterstellst damit, dass, wenn sie es getan hätten, sie nie und nimmer so wirtschaften würden. Das hat mich geärgert, weil Du damit die biologisch-dynamisch arbeiten Winzer entweder für dumm (besser: unbelesen) erklärst, oder in die Nähe von Nazis stellst.


    Nur eine Bitte: lass uns nicht über die Anthroposophen oder Rudolf Steiner debattieren. Es mag ja alles Humbug sein, was der Herr Steiner da verzapft hat. Und mit den Anthroposophen habe ich es auch nicht gerade leicht. Aber das wäre ein Nebenschauplatz. Denn der Hauptschauplatz heißt immer noch: Terroir. Und da liefern die bio- logisch-dynamisch arbeitenden Winzer oftmals sehr überzeugende Resultate.


    Aber jetzt tue ich schon so, als wüsste ich, was Terroir sei und wie ein Terroirwein zu sein habe. Aber das weiß ich ja gar nicht. Ich weiß nur, dass es langweilige Weine und dass es spannende Weine gibt. Und die spannenden Weine rücke ich in die Nähe von Terroirweinen. Warum? Weil ich Terroir noch immer für einen Qualitätsbegriff halte. Also: ein Terroirwein ist spannend und hat einen Qualitätsanspruch und sei es nur der, authentisch zu sein. Weine ohne Spannung und Authentizität sind für mich keine Ter- rorweine.


    Und trotzdem benutze ich den Begriff Terroir nicht (außer jetzt, in unserem Streitgespräch), weil er faul geworden und wie welkes Laub von den Bäumen gefallen ist. Als Dein Manifest herauskam, war der Begriff eine Erweckung. Terroir hob in seiner mysteriösen Unauslotbarkeit alles auf, was Wein ausmacht. Aber: weil der Begriff sich jeder Definition sperrte, wurde er beliebig. Vielleicht liegt es an unserer Moderne, dass die Halbwertszeit von richtigen Begriffen allzu kurz geworden ist. Denn auf einmal war aus Terroir ein Marketing-Gag geworden. Jeder dahergelaufene Kartoffelacker-Wein war ein Terroirwein. Und es gab keine Argumente, ihm diesen Begriff abzusprechen. Und so hielt ich es für ehrlicher, auf die Benutzung dieses Begriffes fortan zu verzichten.


    Überzeuge mich doch bitte, dass dies falsch war.


    Herzlich, Markus 

  • 14. Dez. 2011 by RL

    Posted on 14. Dezember 2011 by Reinhard Löwenstein


    Lieber Markus,


    durch welche Brille hast du denn das Buch gelesen? Wo, bitteschön, verteufle ich die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise? Wie kannst du mir die Meinung unterstellen, dass jemand, der Steiner gelesen hat, niemals biologisch-dynamisch arbeiten würde? Er würde sich, wenn er klar in der Birne ist, nicht die Anthroposophie auf die Fahnen schreiben. Das habe ich geschrieben. Und richtig ist auch, dass ich Nicolas Joly, dem porte parole der Bewegung, eine fundamentalistisch-scholastische statt kontemporär-kritische Rezeption von Rudolf Steiner vorwerfe. Aber Winzer, die biodynamische Tools in ihren Weingütern praktizieren – wie wir ja übrigens auch –, sind genauso Dumm oder Nazis wie das fünfte Gebot einhaltende Pazifisten Erz-Katholiken.


    „Definition“ scheinen wir unterschiedlich zu interpretieren. Aus meiner Sicht ist das Buch mein Vorschlag einer zeitgemäßen Definition von Terroir. Vom „T-Wort“, von dem du die Nase voll hast. Warum wir trotzdem dabei bleiben sollten? Hic rhodos…


    In unserem Wirtschaftssystem werden kurz oder lang alle positiv besetzten Zeitgeistbegriffe an Waren und Dienstleitungen geklebt, um sie besser verkaufen zu können. Leider. Aber sollen wir deshalb auf Begriffe wie Öko, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Demokratie, Regionalität, Fair-Trade etc. verzichten? Aus meiner Sicht benötigen wir keine neuen Worte sondern eine aufgeklärte Gesellschaft couragierter Individuen die in der Lage sind, besser den Stall zu misten. Wie du richtig schreibst, wurde aus dem „in Europa umgehenden Gespenst“, als welches ich Terroir in der FAZ 2003 bezeichnete, eine oftmals profane Cash Cow. Davon angewidert denke auch ich oft darüber nach, ob nicht ein anders Wort die mir wichtigen Inhalte des Begriffs sinnvoller beschreiben und durch eine einfachere Begrifflichkeit eine bessere und für jeden nachvollziehbare Abgrenzung zum kulturlosen Plastikwein ermöglicht würde. Sorry Markus. Mir ist noch nichts Besseres eingefallen. Entweder die Begriffe greifen zu kurz und beschreiben nur einen Aspekt – wie Ökowein, nachhaltiger Wein etc. Oder sie haben seltsame Konnotationen wie etwa „Heimatwein“. Was inhaltlich passt wäre „Kulturbeseelter Wein“. Aber das klingt irgendwie zu dick aufgetragen und ist mir zu schwülstig. Und letztlich hätten wir das gleiche Dilemma. Was ist schon Kultur? Und was beseelt?


    Lass’ uns beim „Terroir“ bleiben. Das Wort passt. Es weist auf die Erde hin, auf den Weinberg, den symbolischen Gegenpol der modernen Kellerkinder. Und beim Nachdenken wird schnell klar, dass ein Weinberg keine Naturlandschaft sondern eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft ist, und dass bei der Agrikultur, bei der Art und Weise der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, der Geisteshaltung der handelnden Subjekte elementare Bedeutung zukommt. Dies auf zu zeigen und verschiedene Formen zu beschreiben und zu werten ist einer der Fäden, der sich durch das Buch zieht. Eine Auseinandersetzung, die mir nach wie vor notwendig und sinnvoll erscheint, bei der es aber mehr auf die Inhalte als auf die Überschriften ankommt.


    Ganz herzlich von der Mosel, 


    Reinhard 

  • 16. Dez. 2011 by MV

    Posted on 16. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld



    Lieber Reinhard,


    Handeln wir erstmal meine Brille und den ollen Steiner ab. Du schreibst in Deinem Buch (S. 62): Wenn es ja nur die Dummen und die Nazis wären, die sich heute biologisch-dynamisch nennen. Aber nein, es sind auch die intelligenten, sympathischen, die Vordenker. Haben die noch nie was von Steiner gelesen? Ich sage nochmals: damit implizierst Du, dass, hätten sie Steiner gelesen, sie sich niemals biologisch-dynamisch nennen würden. Und ich halte meine Interpretation für ganz und gar nicht unredlich.


    Dass Du dann noch Nicolas Joly als Chefideologen der Bio-dyns frontal aufs Korn nimmst, hat mein Unbehagen noch gesteigert. Denn weißt Du was? Er ist der Reinhard Löwenstein der Franzosen. Er ist der “Terroirist”, der Du auch bist. Und wie so oft bei charismatischen Menschen, wird er wie ein Guru angehimmelt. So wie Du (und Du weißt, wie unbehaglich sich das anfühlt). Kurzum: ich wurde beim Lesen dieser Passagen das Gefühl nicht los, dass Du bei Bio-Dyn / Joly ein Spiegelgefecht ausfechtest. Und ich erlaube mir mit einem Zitat aus Deinem Buch (C.G. Jung) diesen Absatz zu beschließen: Wer nach außen blickt, träumt/wer nach innen blickt, erwacht.


    Aber jetzt kehre ich zum Terroir zurück. Dein Buch hat 10 Kapitel. Die Kapitel 2-8 behandeln jedoch, wenn ich es jetzt ganz verkürzt ausdrücke, das Thema Terroir nicht. Nach nochmaligem Durchlesen kommen mir die Kapitel wie “Onkel Reinhard erklärt die Weinwelt” vor. Ich betone: Dein persönlicher Blick ist durchaus interessant und schreiben kannst Du wirklich gut. Aber wo war noch gleich das Terroir geblieben? Der weite Bogen, zu dem Du ausholst, hatte für mich keine erkennbare Klammer. Terroir sollte der Überbau sein, aber ich habe mich eher in Effi Briests weitem Feld herumirren sehen. Kann man Terroir also nicht definieren? Dein Buch impliziert das. Ich hätte mir dennoch eine größere Definitionsanstrengung gewünscht. Lass sie uns vornehmen!


    Ich habe mich lange gefragt, warum der Begriff Terroir in Deutschland eine derartige Faszination ausübt. Dass er aus dem Französischen kommt, spielt der Faszination ganz sicher in die Hände. Immerhin ist Frankreich “savoir vivre” und in der Wahrnehmung jedes Weinliebhabers ganz weit vorne. Und dann die französische Sprache! Allein schon phonetisch ist “le terroir” so ziseliert und bereits kulturwürdig, während das deutsche Pendant “Boden” eher dumpf und dunkel daher kommt. Terroir und Boden verhalten sich ungefähr so wie “Esprit” und “Geist”. Sie meinen das gleiche, deuten aber jeweils woanders hin. Der Espirt spricht von Inspiration und Lebendigkeit, während der Geist eher auf das Unheimliche weist. Der Mensch hat Esprit. Geist hat der Mensch nicht, dem Geist unterwirft er sich.


    Bei Terroir ist es ähnlich. Terroir bezieht immer den Menschen mit ein, ist gewachsene Kultur, ist stolze Tradition und Historie. Terroir hat Esprit. Der deutsche Boden ist ungleich dunkler und wenn man ihn mit Geist auflädt, führt er direkt zu Odin oder noch schlimmeren deutschen Blutmythen. Und genau das war es, was mir beim Gebrauch des Terroirbegriffs in Deutschland so aufgestoßen ist. Terroir hieß immer nur “Boden” – aber weil wir Weinliebhaber so kultiviert sind und Boden ein so schlechtes Image hat, ersetzten wir ihn einfach durch “Lage”.


    Ein Lagenwein bot alle Voraussetzungen, ein Terroirwein zu sein. Aber weißt Du was? Ein Lagenwein ist ein Lagenwein. Warum muss man die Lage noch mit einem so großen Begriff wie Terroir unterfüttern? Ein Lagenwein mit Terroir ist wie ein weisser Schimmel. So weit für heute!


    Es grüßt Dich herzlich, 


    Markus 

  • 18. Dez 2011 by RL

    Posted on 18. Dezember 2011 by Reinhard Löwenstein


    Lieber Markus,


    Die Frage, ob Odins Blutmythen schlimmer sind als Steiners sehnsüchtige Teichoskopie in voratlantische Zeiten, würde ich gerne später diskutieren. Ich möchte deine Bio-Dyn-Kommentare so stehen lassen, um an der Baustelle „Definition“ weiter zu kommen.


    Du fragst – halb rhetorisch – ob man Terroir überhaupt definieren kann, postulierst ein „let’s go“ um letztendlich den Begriff als Tautologie doch ad absurdum zu führen.


    Es ist diese Art von logischer Beweisführung, die jeden, der versucht ein paar Nägel ein zu schlagen, zur Verzweiflung bringt. Ob philosophische Entwürfe à la Hegel, mathematische Formeln, Gott, Mensch... Immer gilt der Satz Gödels, dass bei einer stringen- ten Definition das logische KO einem jedem geschlossenen System immanent ist. Im Epilog muss sich dies der für Vernunft zuständige Apollon ausgerechnet von seinem chaotischen Erzrivalen Dionysos aufs Butterbrot schmieren lassen. (Im Buch erfolgt die Demontage des Begriffs am Ende des Kapitels 9, mein Vorschlag damit umzu gehen, steht in Kapitel 10.)


    Die von dir vermisste „Klammer“ über den einzelnen Kapiteln kannst du nur erkennen, wenn du dich auf die Sichtweise einlässt, dass komplexe Begriffe nicht linear, sondern nur systemisch beschrieben werden können. Der Mensch besteht nicht zu 50% aus Körper und zu 50% aus Geist, sondern aus – wenn schon unbedingt Prozent, dann aus – jeweils 100. Ein Terroirwein besteht so wenig aus je 33% Weinberg, Klima und Mensch wie aus je 33% Spannung, Heimat und Emanzipation. Es sind dies alles Aspekte eines Terroirweins, Seiten eines multidimensionalen Würfels. Welche sind wichtig? Wie viele soll ich beschreiben? Für mich war dies die schwierigste Herausforderung bei der Planung des Buches. Dabei – ich habe im Vorwort darauf hingewiesen – stand weniger die Frage „richtig oder falsch“, sondern ein „ist das sinnvoll“ im Vordergrund. Ich habe mich für 10 Kapitel = 10 Aspekte von Terroir entschieden. Die Zahl 10 ist in unserer Kultur eine runde Sache. Und sie erlaubt mir, ausgehend von den Archetypen, die symbolisch hinter dem Sephirot und den ersten 10 Trümpfen des Tarot-Spiels stehen, eine „lesbare“ Geschichte zu erzählen. (Hinweise auf die jeweils im Vordergrund stehenden „Energien“ geben die Kapitelüberschriften.) Nach dem Bildungsprinzip des psychologischen Entwicklungsromans beschreibe ich die Individuation; beginnend mit Omnipotenzphantasien, begleitenden männlichen und weiblichen Energien, Entstehung von Ich-Bewusstsein über Sturm und Drang bis zur Entdeckung der Innerlichkeit und befreiender Emanzipation.


    Du hast davon beim Lesen nichts gemerkt. Solltest Du ja auch nicht. Wie bei einem guten Wein geht es auch bei einem guten Buch erst mal nicht darum, das Webmuster zu erkennen, sondern sich darauf einzulassen.


    Mein Ziel war es, dem Leser zur eigenen Positionsfindung möglichst viele relevante Informationen und Stimmungen des Systems Terroir zu vermitteln. Mal dissoziiert im Wissenschaftsdeutsch, mal emotional und engagiert. Die von dir vermisste „sinnhafte Engführung“ tritt als mein zaghafter eigener Versuch daher erst im Epilog in den Vordergrund – um allerdings gleich wieder relativiert zu werden.


    Ich ziehe mir mal für einen Augenblick die von dir zugeworfene Guru-Jacke an: Ein Rattenfänger labert ex cathedra von der ewigen Wahrheit. Ein wirklicher Guru weist darauf hin, dass jeder seine Nuss selbst zu knacken hat.


    Mit einem vorweihnachtlichen „Prosit“ auf alle Nussknacker, Dein Reinhard 

  • 21. Dez. 2011 by MV

    Posted on 21. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    Du würdest mich missverstehen, solltest Du glauben, ich warte nur darauf, bis Du eine Definition von Terroir bringst – um sie Dir dann in bester dekontruktiver Manier um die Ohren zu hauen. Worum es mir vielmehr geht: wir alle benutzen den Begriff Terroir, und wenn schon eine Definition schwer möglich ist, so kann man sich im Gebrauch des Begriffes doch klar darüber werden, welche – und seien es nur gefühlte – Inhalte mitschwingen.


    Gestern, am ersten Tag mit Schneechaos, musste ich nach Stuttgart und so eine Autofahrt dauert dann bekanntlich länger. Beim gefühlt fünften quergestellten LKW drehte ich aus purer Langeweile an den Radioknöpfen und bekam einen Weihnachtsgeschenke-Buchtipp zu hören über eine Biographie von Amy Winehouse. Geschrieben von zwei deutschen Journalisten. Sie bescheinigen der Winehouse eine schwere Persönlichkeitsstörung und ein Borderline-Syndrom. Ich war kurz davor, das Radiogerät einzutreten! Was, so schrie ich wütend in die leere Fahrerkabine, bilden sich solche eitlen Lackel mit ihrem lächerlich-langweiligen Leben eigentlich ein, über jemanden wie Amy Winehouse zu urteilen? Und wer will so einen Schrott lesen? Natürlich hatte Amy Winehouse eine schwere Persönlichkeitsstörung. Alles Große entsteht aus einer schweren Störung. Das ist das Wesen der Größe. Und der gebildete Spießer pappt da dann “Borderline” drauf und ist froh, zu den Gesunden zu gehören.


    Warum ich das schreibe? Gäbe es in der Musik Terroir, Amy Winehouse’ Musik wäre Terroirmusik. Es ist diese Komposition aus Verschwendung, Unglück, Wahnsinn und Zärtlichkeit verbunden mit dem unbedingten Willen zu einer authentischen Form, die mich an das Konstrukt Terroir erinnerte.


    Ich habe von jeher den Eindruck, dass Terroir Menschenwerk ist. Terroir gibt es gar nicht, sondern es ist eine innere Einstellung, ein geistiges Konstrukt, wobei das Augenmerk mehr auf geistig als auf Konstrukt liegt. Damit meine ich: Terroir ist eine Idee, die im Menschen geboren wird, aber nicht wie eine mathematische Formel, die ewig gilt, sondern als Idee, die aus etwas entspringt, was in der Natur liegt, aus etwas Natürlichem, zumindest Vorgefundenem und sich Veränderndem. Ähnlich wie Michelangelo, der über seinen David sagte, dass er die Form nur aus dem Marmorblock befreien musste, befreit auch der Winzer seinen Wein aus der Form des Weinbergs, der Trau- ben und des Jahrgangs.


    Nur: macht das nicht jeder Winzer? Eben nicht! Denn die meisten behandeln Wein mit einer mathematischen Formel, die ewig gelten soll. Wein nach Rezept, und sei es nur dieses, den vermeintlichen Kundengeschmack befriedigen zu wollen. Aber wo bleiben da Verschwendung, Unglück, Wahnsinn und Zärtlichkeit? Ich halte diese Parameter übrigens für die Grundpfeiler der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Ohne Wahnsinn keine Kreativität. Ohne Unglück kein Verändern der Zustande. Ohne Verschwendung keine Kraftanstrengung zur Form. Ohne Zärtlichkeit kein Verständnis der Natur. Ob man das in einem Wein schmecken kann? Ob man das in einem Wein überhaupt schmecken sollte? Schmeckt so ein Wein überhaupt gut oder geht derart die Sinnlichkeit in einem Wein flöten?


    Fragen über Fragen...


    Ich wünsche Dir und den Deinen besinnliche Tage, Markus 

  • 24. Dez. 2011 by RL

    Posted on 24. Dezember 2011 by Reinhard Löwenstein



    Lieber Markus, ich verstehe dich nicht „miss“ was die Definitionsfrage angeht. Ich versuche dich nach wie vor zu überzeugen, dass die von dir vorgeschlagene „sinnhafte Engführung“ nicht zielführend ist und wir um einen wie im Buch vorgeschlagenen „offenen“ Ansatz nicht herumkommen. Aber vielleicht sollte ich nicht schreiben offen sondern offener, denn in einigen Bereichen schlage ich Pflöcke ein, die dir scheinbar nicht so wichtig sind.


    Vieles, was du über Amy Winehouse und Terroir im weiteren Sinne schreibst, teile ich mit dir. Dein “Ja, Terroir ist eine Idee, die im Menschen geboren…“ spiegelt den Aufbau meines Buches. Aber, so schön wie sie ist, die Allegorie des hüllenabschlagenden Michelangelos. Sie ist mir zu eng gefasst, zeigt nur eine Seite der Medaille. Ganz im Zeitgeist der Renaissance steht die Suche nach der Weisheit der Alten, das Ding mit dem Wesenkern im Vordergrund. Aber wo bleibt in deinem System der Kellerberg von F.X. Pichler? Hat er sein Terroirweinsein verwirkt, weil sein Meister sagt: „Ein guter Wein beginnt im Kopf“? Michelangelo habe ich im Buch daher August Rodin gegen- über gestellt. Beim „Denker“ wurde keine Hülle abgeschlagen sondern eine Form konstruiert. Eine schöne Form, eine die uns tief berührt, die uns aber auch nachdenklich werden lässt. Weit mehr als beim David verlieren wir uns nicht nur in der Schönheit sondern rutschen wir auch in eine intellektuelle Auseinandersetzung, fühlen wir uns als Individuum angesprochen, haben wir die Chance auf Entwicklung, auf Veränderung.


    Terroirwein als Gegenpol zum Industriewein. Das ist für mich Emanzipation als Antipod zu Volksverdummung. Meine Gretchenfrage lautet: Ist der Wein – und damit meine ich natürlich nicht nur den Inhalt der Flasche sondern auch das ganze Drum und Dran – ehrlich, authentisch, und transparent? Erlaubt er mir ein genussvolles Fallenlassen ohne in reaktionären Sümpfen oder verlogenen Marketingwelten aufzuwachen? Kann er einen positiven Beitrag zu meiner Emanzipation und zur Entwicklung unserer Kultur leisten?


    In dieser Frage bin ich scheinbar stringenter und enger in der Definition wie du: Wie in der Romantik – daher zitiere ich gegen Ende des Buches immer wieder die Philosophen dieser Zeit – kann ein „zurück zur Natur“ für den Einzelnen nur dann frucht- bar sein, wenn es nicht mit Regression und dem Ich-Tod im großen Schlund der Mutter Natur verbunden ist, sondern in eine positive Persönlichkeitsentwicklung und einer Erweiterung des eigenen Bewusstseins mündet. Wein ist so mehr als eine Allegorie, er ist eines der wichtigen Symbole für Weihnachten, für die Geburt von Licht, für die Befreiung aus der Dunkelheit. Hin zum Bewusstsein, hin zu dem, was wir gemeinhin als „das Menschliche“ nennen.


    Wenn Rudolf Steiner und seine Epigonen Wein für die Entwicklung des psychologischen Ichs verantwortlich machen, den Alkohol aus diesem Grunde bekämpfen und vom Zurück in voratlantischen Zeiten resp. Bewusstseinszustände der unbewussten Gruppenseele nicht nur träumen, sondern mit diesem Gedankengut auch noch hau- sieren gehen… Da ist bei mir Schluss mit Lustig.


    Das verteufelte „Ich bin“, das Licht – ich liebe es sehr!


    Fröhliche Weihnachten, Dein Reinhard 


  • 28. Dez. 2011 by MV

    Posted on 28. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    jetzt haust Du wieder auf den ollen Steiner ein und das nervt mich. Damit sind wir nämlich bei einem meiner Hauptkritikpunkte Deines Buches. Du hast da einfach Un- recht und Du suchst Dir die falschen Feinde. Das bedaure ich sehr.


    Um es mal auf den Punkt zu Pbringen: Rudolf Steiner hat ein dreigeschossiges Haus gebaut. Im Erdgeschoss befindet sich das, was er seine “Philosophie der Freiheit” nannte. Da geht es einfach nur darum, dass jeder durch das Denken zu einem Eindruck der Freiheit gelangen kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Mittelgeschoss sind die Anleitungen, die Rudolf Steiner zum Schulungsweg gegeben hat. Für ihn waren sie der Nukleus der Anthroposophie. Da geht es ganz simpel um solche Übungen wie “Unbefangenheit”, “Positivität” oder “Gleichmut”. Alles kein Hexenwerk, sondern durchaus tagestaugliche Eigenschaften, die man derart erwirbt. Erst die letzte seiner Übungen betrifft dann das Herzstück der Esoterik, die Meditation, die Steiner als erst anwendbar und durchführbar ansah, wenn der Meditierende die anderen Seelenübungen zur Genüge durchdekliniert hatte. Das ist insofern nicht ganz unwichtig, alldieweil die Meditation am ENDE eines Weges steht und nicht an seinem Anfang.


    Das Oberhaus besteht dann aus denjenigen Erkenntnissen, die Steiner durch eben seine esoterische Schulung gemeint hatte herausgefunden zu haben. Zu diesen Ergebnissen kann man stehen wie man will. Ein Gegner nannte sie mal “das Disneyland der Religionen”. So what! Sie sind eher sehr kreative Denkleistungen, über deren bizarre Anmutung ich manchmal herzlich lachen kann. Anregend und kreativ sind sie nichts- destotrotz. Zumindest für mich und scheinbar auch für andere, die Kuhhörner im Weinberg vergraben. Dennoch gilt: Humor! Humor! Nichts ist wichtiger bei Esoterik als Humor.


    Und ja, dann gibt es eine Handvoll Stellen in seinem fast 400-bändigen Werk (das aus 90% mitgeschriebenen Vorträgen besteht), die völliger Quatsch sind. Sie werden nach 100 Jahren weder richtiger noch besser und ich verstehe den ganzen Krampf der Anthroposophen auch nicht, diese Stellen ständig verteidigen zu müssen. Ich verstehe aber auch die Gegner nicht, diese paar wenigen Stellen ständig anführen zu müssen. Die sicher berühmteste Stelle, die Du ja auch zitierst, ist die, wo er über den Einfluss der “Neger” spricht. Die ist in ihrer Absurdität und damaligen Zeitbezogenheit (wir schreiben die Jahre um den 1. Weltkrieg) nicht zu überbieten. Daraus den Schluss zu ziehen, Steiner wäre Rassist oder Faschist – das wiederum ist so, als würde man die Komplexität eines Karl Marx oder Friedrich Nietzsche ausschließlich auf ihre antisemitischen Einwürfe reduzieren.


    Kommen wir zum Alkohol. Noch in einem Fragebogen von 1892 gibt Rudolf Steiner als Lieblingsgetränk Cognac und schwarzen Kaffee an. Das zum einen. Zum anderen spricht er an ganz wenigen (5!) Stellen (in einem 400-bändigen Werk!) über die Wirkung des Alkohols, so wie er über die Wirkung von Schweinefleisch oder Vegetarismus spricht. Ist daraus ein Dogma abzuleiten? Deswegen zum Vegetarier oder Antialkoholiker zu werden, dazu besteht gar kein Anlass. Warum auch? Die Wirkung von Alkohol kennen wir wohl alle zur Genüge. Muss man die jetzt verschweigen, nur weil Herr Löwenstein sein Geld mit Wein verdient? Folge Deinem eigenen Stern und nicht irgendwelchen vorgegebenen…


    Und ein “Zurück zur Natur” hat Steiner niemals gepredigt. Nochmals: wir schreiben die Jahre um den 1. Weltkrieg, als ein Haufen naturbezogener Erweckungsbewegungen durch die Lande marschierte: die Reformhäusler, die Freikörperkulturler, die Wandervögel undsoweiterundsofort. An keiner Stelle macht sich Rudolf Steiner mit diesen Bewegungen gemein. Und dass sein Landwirtschaftlicher Kurs, die Grundlage der bio-dynamischen Landwirtschaft, auf Gut Koberwitz gehalten wurde, ist auch kein Zufall. Denn das schlesische Gut hatte eine Größe von mehreren tausend Hektar. Erst diese relevante Größe, die fast zu einer industriellen Produktion zwang, war interessant genug, um auf biologisch-dynamisch umgestellt zu werden. Mit zurück in den Schoß der Mutter Natur hat das beileibe nichts zu tun. Vielmehr um die Vermählung zwischen moderner Landwirtschaft und kosmischen Einflüssen. Klingt riesig, ist es wohl auch. Eine Art “Prä-Discounter-Sehnsucht” zu unterstellen, ist an den Haaren herbeigezogen.


    Schließlich die Gruppenseele, die Du anführst, nun ja, sie ist wohl empirisch nicht zu widerlegen. Dass aber Rudolf Steiner von der Gruppenseele sehnsüchtig träumen würde und zu ihr zurück wollte, das ist jetzt wirklich ausgemachter Quatsch. Die Gruppenseele steht dem Individualitätsprinzip diametral entgegen. Denken und Freiheit liegen aber ausschließlich beim Individuum. Und das ist der Ausgangspunkt von Stei- ners Schaffen. Wenn man irgendeine Sehnsucht von ihm benennen wollte, wäre es wohl die zu einem “kreativen Egoismus” oder zu einer Überwindung des Ordnungsprinzips.


    Wie kommen wir jetzt zum Terroir zurück? Ganz einfach! Du fragst, ob denn der Kellerberg von Pichler kein Terroirwein sei. Dazu eine Gegenfrage: warum ist der Kellerberg von Pichler denn für Dich ein Terroirwein?


    Sorry, dass es etwas länger geworden ist. Es musste sein!


    Es grüßt Dich Markus 

  • 03. Jan. 2012 by RL
    Describe the item or answer the question so that site visitors who are interested get more information. You can emphasize this text with bullets, italics or bold, and add links.
  • 04. Jan. 2012 by MV

    Posted on  04. Januar by Markus Vahlefeld



    Lieber Reinhard,


    sich wegen eines Fehlers in Behandlung zu begeben, dazu besteht überhaupt kein Anlass und ich halte es da mit Thomas Jefferson: Der Irrtum kann toleriert werden, wo die Vernunft frei ist, ihn zu bekämpfen. Let’s agree to differ.


    Du willst Butter bei die Fische des Terroirs, sei’s drum!


    Wenn ich den Begriff Terroir sich entwickeln lasse, kommt ein zweiter Begriff hinzu, der leider mindestens so nebulös ist wie der, den er erklären oder zumindest abstützen soll. Es ist der Begriff der Typizität. Ein Terroirwein ist ein regionentypischer Wein. Das setzt zum einen voraus, dass ich als Weinliebhaber, Verkoster oder einfach Wein- trinker andere Weine der Region kenne und eine Geschmacksidee der regionalen Typizität in mir trage – sozusagen Goethes Urpflanze auf den Wein übertrage: welches ist das Urbild des Weins aus eben dieser Region?


    Zum anderen bedeutet Typizität aber auch, dass es diese “typischen” Weine vielleicht noch gar nicht gibt oder schon lange nicht mehr gibt. Typizität klingt so absolut und gemeißelt, ist aber vielmehr eine Idee, die ständigem Wandel unterworfen ist. Das fängt mit dem Ist-Zustand, also der normativen Kraft des Faktischen an, geht über die sich verändernden klimatischen Bedingungen bis hin zu neuen Erkenntnissen, Möglichkeiten und sogar Moden in der Weinbereitung wie auch Weinrezeption. Typizität, wie ich sie verstehe, ist nicht Wein zu machen, wie er vor 100 oder von mir aus auch 1.000 Jahren gemacht wurde, sondern im Weinbereitungsprozess einem eigenen Ur- bild zu folgen, das man schlüssig und transparent darlegen kann.


    Wenn alle Winzer einer Region über Jahrzehnte hinweg weinbau- und kellertechnische Maßnahmen anwenden, die zwar eine scheinbare Typizität herstellen, aber in ihrem Resultat zu Eindimensionalität, Gleichklang und Belanglosigkeit führen, dann mögen irgendwann all diese Weine als typisch gelten, aber es fehlt eben eine Idee der Typizität. Das Urbild verwelkt.


    Die Mosel ist ja ein ziemlich gutes Beispiel für den Verlust und schließlichen Wiedergewinn von Typizität, der ohne die Löwensteins und Molitore und Niewodniczanskis und wie sie alle heißen, gar nicht möglich gewesen wäre.


    Mir geht es dabei viel weniger um irgendwelche Bio- oder Demeter-Siegel, als vielmehr um Transparenz und darum, dass der Winzer die Maßnahmen, die er ergreift, einzig aus dem Umstand heraus ergreift, dass sie zur Verwirklichung dieses Urbildes notwendig sind.


    Kommen wir zum Kellerberg, den Du ansprichst. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, welchem Urbild Weine, die nur dadurch extremst spät gelesen werden konnten, weil sie mit einer hübschen Menge an Botrytiziden gespritzt wurden, folgen sollten. Das mögen beeindruckende Weine sein, aber sie bauen auf einer Lüge auf.


    Die Winzer versenden bunte Bildchen ihrer November-Träubchen an ihre Kunden, würden aber nie und nimmer ehrlich sagen, wieso diese Träubchen Mitte November noch so verdammt gesund aussehen. Der Eindruck, den diese tollen Weine in mir hinterlassen, wandelt sich dann in Zorn über die Lüge, die diesem Eindruck innewohnt. Und natürlich verwandelt der Zorn mein Rezeptionsverhalten. Ich mag beeindruckt sein, aber nicht berührt.


    Aus diesem Grund ist der Kellerberg kein Terroirwein für mich. Er mag ein Kultwein sein, aber kein Terroirwein. Ihm fehlt das urbildhaft-Typische und die weinmacherische Transparenz. Damit fehlen ihm die beiden wichtigsten Kriterien für einen Terroirwein. Zuallererst ist ein Terroirwein für mich ein stolzes Produkt, das nicht nur auf seine Herkunft verweist, sondern auch mit Stolz seine Herstellung transparent macht.


    Euch nun schöne Tage, wo auch immer Ihr seid!


    Markus 

  • 13. Jan. 2012 by RL

    Posted on  13. Januar by Reinhard Löwenstein


    Lieber  Markus,


    mit dem Begriff der Typizität ist es wie mit der knusprigen Haut des Flossentieres, mit dem du deinen letzten Beitrag geschmückt hast. Sieht erst mal gut aus.


    Typizität ist ein schönes Wort. Es gehört in den Begriffskanon von Natürlichkeit, Heimat, Tradition, Regionalität… Das klingt gut, da wird es einem warm um’s Herz. In der “cloud” – wie man das jetzt im web-Zeitalter nennen könnte -, deren Sinnzusammenhänge und Gefühle das beschreiben, was ich Terroir nenne, spielen sie eine wichtige Rolle. Aber eine völlig andere wie bei dir.


    In meinem ersten Beitrag habe ich dich gefragt, durch welche seltsame Brille Du denn mein Buch gelesen hast. Jetzt, wo du mit Goethe kommst, wird das immer klarer: Es ist die Steinerbrille.


    Urbild, Entwicklung der Urpflanze… Dann der Sündenfall und das Urbild verwelkt... Markus, Markus… Das ist Schnee von Vorgestern.


    Kein Wunder, dass du beim Kellerberg kein Terroir findest wenn du vom hüllenabschlagenden Michelangelo träumst. Auch ich liebe und benutze diese Metapher gerne und oft. Aber nicht ohne die andere Seite der Medaille zu vergessen: Die emanzipative Verwirklichung des Individuums in einem schöpferischen Prozess.


    Meditiere über den Koan “wie schmeckte der Kellerberg, bevor ihn der Mensch gemacht hat”. Dies ist mein im Buch gemachter Vorschlag zum Umgang mit dem Begriff Typizität. Diese letztlich produktive Widersprüchlichkeit hat in deinem Weltbild keinen Platz. m Gegenteil, du klebst an einem längst überholten Bild von Definition wenn du bedauerst, dass Der Begriff Typizität mindestens genauso nebulös sei, wie der Begriff Terroir. Genau die gegenteilige Haltung macht Sinn. Terroir und auch Typizität sind gerade deshalb passende Begriffe, weil sie nebulös sind.


    Warum? Weil sie damit der spannenden Komplexität von Kultur gerecht werden. Siehe die Ausführungen in meinem Buch.


    Nein, Markus, dein Fisch war nicht mit guter Butter gebraten, das war ein billiges Palmöl. Aber nichts gegen die Palme! Die spendet uns gerade wohltuenden tropischen Schatten.


    Bis bald, Reinhard 

  • 14. Jan. 2012 by MV

    Posted on  14. Januar by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    jetzt hast Du mich überrascht. Ob es an zu viel Sonne lag oder dem, was ich Deine Steiner-Obsession nenne? Ich schreibe Goethe und Du kommst mit Steiner. Ich glaube, dass es zielführender wäre, wir würden unsere Urteile und Vorurteile zu Steiner außen vor lassen und uns wirklich mit dem beschäftigen, was WIR schreiben. Mir die dep- perte und rückwärtsgewandte Steiner-Jünger-Position zuzuweisen, ist zwar argumen- tativ schlau – weil Du dann auf meine Argumente nicht eingehen musst –, entlarvt sich aber als Luftballon, wenn Du selbst die Butter bei die Fische nicht zu geben bereit bist.


    Du schreibst von nebulös, cloud und Web2.0. All das ist für Dich Kultur und Terroir. Zwar verstehe ich beim besten Willen nicht, was Du damit meinst, und freue mich wirklich auf eine nähere Erläuterung, habe aber das Gefühl, dass wir da im Nukleus unserer Differenz angekommen sind. Unserer Differenz, auch was Dein Buch angeht.


    Aber wie gesagt, das ist nur so ein Gefühl, denn nebulös und cloud und Terroir sind ja – „irgendwie“ – nur “gefühlte” Wahrheiten. Ich dagegen, völlig veraltet und erkenntnistheoretisch überholt, hänge immer noch der “Arbeit am Begriff” nach. Und wenn, wie Du schreibst, Typizität und Terroir gerade deshalb passende Begriffe sind, WEIL sie nebulös sind, dann gebe ich Dir insoweit Recht, dass ich es dann schön fände, wenn wir die Begriffe nutzbar machten, indem wie sie definierten und sei es ganz strukturalistisch eben über unsere Nutzung. Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Arbeit am Begriff bedeutet nicht irgendeine Gleichung aufzustellen. Für mich gehören Humor und Poesie unbedingt mit zur Arbeit am Begriff. Tarot und Mystik dagegen weniger.


    Adorno warf mal dem Heidegger den “Jargon der Eigentlichkeit” vor. Bisher kann ich nur konstatieren, dass Du den gegenteiligen “Jargon des Irgendwie” pflegst. Irgendwie passt Terroir schon und Typizität und Nebel und cloud und Web2.0. Magst Du mir mal an einem konkreten Beispiel erläutern, wie das zusammenpassen soll? Am besten am Kellerberg. Wie wäre es?


    Und noch etwas zu dem hüllenabschlagenden Michelangelo. Ja, ich finde das Bild wunderbar. Denn es setzt zum einen nicht nur die handwerkliche Fähigkeit voraus, mit etwas so Abweisendem wie Marmor ideal umgehen zu können, sondern es setzt auch voraus, dass Michelangelo in dem schroffen und mammutgroßen Marmorblock etwas erkannte, sah, schaute, was ihm befreiungswürdig erschien: die Schönheit in der Natur. Zwar möchte ich die Metapher des Künstlers nicht überstrapazieren, wenn ich Winzer und Künstler zusammen nenne, aber der Terroir-Winzer hat eben diese beiden Eigenschaften auch: er verfügt über die handwerklichen Fähigkeiten und er schaut eine Idee im Sinnlichen. Dieser Idee folgt er beim Weinmachen.


    Das muss im Ursprung gar nicht vollbewusst ablaufen, aber da der moderne Winzer jeden seiner Schritte erklären und vor sich rechtfertigen muss – Stichwort: Transparenz –, kristallisiert sich im Ablauf der Zeit und Jahrgänge seine Idee heraus. Für mich als Weinliebhaber ist diese Idee dann schmeckbar. Das ist ein großer Teil des Faszino- sums Wein für mich. Und da macht der Begriff Terroir auch Sinn, weil Terroir eben auch erstmal nur eine Idee ist, die dann in einem Wein sinnlich aufscheint. Was ist denn daran so unemanzipiert?


    Übrigens: darüber zu meditieren, wie der Kellerberg wohl schmeckte, bevor ihn der Mensch gemacht hat, ist genau das, was ich mit Erfassen des Urbildes meine. Es ist eine spannende Meditation. Und wenn sich Urbild und sinnlicher Eindruck des menschengemachten Kellerbergs überlagern, würde ich auch von Terroir sprechen. Daher wiederhole ich meine Frage nochmals: wieso ist der Kellerberg ein Terroirwein für Dich?


    Gespannte Grüße, Markus Markus 

  • 19. Jan. 2012 by RL
    Describe the item or answer the question so that site visitors who are interested get more information. You can emphasize this text with bullets, italics or bold, and add links.
  • 20. Jan. 2012 by MV

    Posted on  20. Januar by Markus Vahlefeld



    Welcome back in Germany, Reinhard!


    Nein, nein, nein! Ich suche ebenfalls mitnichten nach einer “verbindenden Theorie”. Le Terroir c’est moi schrieb ich am Beginn. Und dieses Recht gestehe ich selbstverständlich jedem zu und am meisten jedem Winzer. Er SOLL, nein er MUSS seine Böden, seine Lagen, seine Region in Wein umsetzen und das Spannende an Wein – wie an jedem Kulturprodukt – ist ja, dass der Mensch darin aufscheinen soll. Je mehr er es tut, desto intensiver möchte ich mich mit seinem Wein beschäftigen. Deswegen halte ich von so Konstrukten wie Naturwein nichts, weil damit suggeriert wird, der Mensch könnte aus dem Wein verschwinden. Oftmals tut der Mensch der Natur Gewalt an, dann wird es Weindesign. Und manchmal überlässt der Winzer das Weinmachen zu sehr der Natur, dann wird es ein ungeschwefelter mostiger Anti-Wein.


    Übrigens verstehe ich jetzt Dein Bild der clouds besser. Aber während Du das duale Bild von Terroir und Weindesign bemühst, halte ich mich lieber an das dialektische Prinzip der Trinität. Da gibt es für mich das Weindesign und da gibt es für mich den Naturwein. Beide mögen in ihren fließenden Übergängen mit der Mitte, dem Terroir, verwandt sein, aber selbst gutes Weindesign á la FX Pichler vereitelt für mich eine Terroirerkenntnis. Und bei den an Apfelmost erinnernden Naturweinen geht es mir ähnlich. Was ich bei beiden Weinen festhalten kann: sie docken nicht an dem an, was mir Sinnesfreude bereitet.


    Hinzukommt dass für mich ein Terroirwein eher ein “einfacher” Wein ist. Ein ein- facher Wein im besten Sinne. Ich könnte auch lagenübergreifender Wein schreiben. Denn ein Lagenwein ist ein Lagenwein. Da brauche ich den Begriff des Terroirs nicht zu bemühen. Und dass ein Winzer ein bestimmtes “Urbild” seiner Lage hat und dieses umsetzt, führt dann zu einer Lageninterpretation. Nichts ist spannender als das. Und Pichlers Kellerberg ist sicher eine der möglichen Interpretationen der Lage Kellerberg (auch wenn er für mich mehr die Interpretation eines Riesenweins ist, die dann im "M" konsequent und ohne Lage vervollständigt wird).


    Ein Terroirwein ist ein regionentypischer Wein. Einer, der mehr als nur eine Lage wi- derspiegelt. Und da Du die Befürchtung äußertest, in meinem Weltbild und mit mei- nen Anforderungen dürfte es keinen einzigen Terroirwein geben, so kann ich Dich beruhigen. Beispielsweise ist Dein Schieferterrassen einer meiner liebsten Terroirweine, und auf die Gefahr hin, dass es an Löwenstein-Beweihräucherung grenzt, kann ich Dir auch gerne erklären, warum.


    Der Schieferterrassen ist ein typischer Wein für die Untermosel. Er spiegelt Deine Interpretation der Region wider. Du kannst es auch gerne Heimat nennen. Und: Du gehst mit dem Konzept des Schieferterrassen transparent um. Ich habe mich mit Dir, Deinen Weinen und auch anderen Weinen der Untermosel beschäftigt. Deine Interpretation ist schlüssig und vor allem: sinnlich toll. Und Du bindest mir keinen Mythos auf, was ich sehr schätze. Seit Du irgendwann mal schriebst, dass Du ab und an für die Terrassenlagen Herbizide benutzen müsstest, trinke ich den Wein mit noch größerer Freude, weil mir Deine Erklärung einleuchtete und ich Ehrlichkeit und Transparenz für einen Riesenfortschritt der Moderne halte. Das ist meine Art der Emanzipation. Übrigens gehören Widersprüche zu diesem Riesenfortschritt dazu. Wo mir Winzer die Widersprüche mit irgendeinem weinheiligen BlaBla wegnivellieren wollen, werde ich immer sehr misstrauisch.


    Nun ist es aber ungerecht, gerade Deinen Schieferterrassen hier ins Feld zu führen. Denn was sollst Du jetzt darauf antworten? Daher möchte ich Dir noch zwei völlig unterschiedliche Terroirweine nennen. Der eine ist der Rotschiefer vom Weingut St. Antony. Und der andere ist der Grand Vin von Pontet Canet. Dass in einem Jahrgang wie 2009 zwischen den beiden Weinen eine Preisdifferenz von mehr als 100 Euro liegt, ist zwar bedauerlich, widerspricht aber meinem Konzept vom Terroirwein nicht.


    Ein Hoch auf die Widersprüche, Markus 

  • 29. Jan. 2012 by RL

    Posted on  29. Januar by Reinhard Löwenstein


    Du, Markus, es ist mir gar nicht so unrecht, wenn du unseren Schieferterrassen als Beispiel nimmst. Unangenehm wäre es mir, über einen Wein zu diskutieren, der aus meiner Sicht nichts mit Terroir zu tun hat. Dann kommt schnell ein: „der will sich ja nur auf Kosten anderer profilieren“. Das „Herumeiern“ in dieser Frage ist übrigens aus meiner Sicht eine der Schwachstellen meines Buches. Aber ich bin nun mal Winzer…


    Seit 30 Jahren begleitet mich das Thema: Wie weit kann ich in Zeiten der heile-Welt-Projektion mit der von allen geforderten und auch meiner inneren Haltung korrespondierendenn Transparenz gehen? Auf die entsprechenden Sehnsüchte und den moder- nen Ablasshandel bin ich im Buch ja eingegangen. Aber auch wenn das letztlich eine uralte Story und allzu menschlich ist: In der alltäglichen Praxis geht es mir ganz schön auf den Kittel. Einen anständigen Terroirwein will ich herstellen. Habe ich es nötig auf den heile-Welt-Projektionsstrich zu gehen?


    Frustriert von den unsauberen Machenschaften in der Öko-Szene habe ich Mitte der 80er Jahre in einem Befreiungsschlag-Kundenbrief darauf hingewiesen, dass wir mit der organisierten Ökobewegung nichts zu tun haben wollen. Und von Rudolf Steiner haben wir uns ja nun wirklich auch deutlich genug distanziert. Es hat wenig genutzt: In der Projektion ist Heymann-Löwenstein zumindest Öko – wenn nicht Bio-Dyn. Natürlich sind wir stolz auf unsere Ökobilanz und praktizieren mit großer Überzeugung auch allerlei sogenannte „esoterische Spinnereien“. Aber im Hirn der Schubladendenker gibt es keinen Platz für das was einen Terroirwein als Kulturgut ausmachet: In-Frage-stellen, Zweifel, sich an Grenzen reiben. Und letztlich Transparenz.


    Wie auch immer – es freut mich sehr, dass du den Transparenzaspekt unseres Terroirkonzeptes nicht nur verstehst, sondern auch noch gut findest. Und zum Glück sehen das die allermeisten unserer Kunden auch so.


    »Amistad de los seres, transparencia, coro de disciplina, abundancia de flores…«


    Prosit! Trinken wir auf Freud und auf Pablo Neruda. 

  • 01. Feb. 2012 by MV

    Posted on  01. Februar by Markus Vahlefeld


    Mein lieber Reinhard,


    ich hatte es schon geahnt. Du hältst mich wg. Steiner für einen verblendeten Anti-Fundi und ich halte Dich für einen 68er-Eso-Materialisten, aber beim Wein finden wir dann doch zueinander. Und die Liste der Widersprüche ist so herrlich lang. Ist das Kupfer der Ökos wirklich besser als ein wenig Herbizid? Und warum hat das ökologisch fundierte Verbot von DDT in den afrikanischen Ländern wieder zur Erhöhung der Malaria- und Schlafkranken geführt (DDT tötet nämlich auch die Tsetse-Fliege)? Und ist der ökologische Bio-Sprit wirklich besser, wenn dafür dringend benötigte Landwirtschaftsflächen in den Schwellenländern statt mit Nahrungsmitteln mit Spritgebern bepflanzt werden und dadurch die Lebensmittelpreise exorbitant ansteigen?


    Machen wir es andersrum: ich bin kein Protestant! Mir ist das “die Welt retten” aus irgendeinem halbreligiösen schlechten Gewissen, das dem modernen Menschen die Schuld an jedem Missstand dieser Welt gibt, total fremd. Nun bin ich aber auch kein Katholik, der allein auf die Gnade Gottes warten müsste. Irgendwo dazwischen – zwischen Verantwortung und Pragmatismus – verorte ich meine Ideale. Und dann tritt etwas hinzu, was ich als etwas zutiefst Urchristliches ansehe. Wir brechen keine Gesetze, aber wir erweitern sie um die Liebe. So sehe ich es auch beim Wein und – um bei unserem Thema zu bleiben – beim Terroir.


    Es gibt keine Weingesetze, die nicht durch die Liebe zum Wein erweitert werden könnten. Und wenn jemand wie Du aus diesem Grund ein Herbizid spritzt, sehe ich das nicht als Makel, sondern erfreue mich an den Widersprüchen, die uns allen das Leben so schwer machen. Aber dafür gibt es ja zum Glück den Wein!


    So hat am Ende Terroir für mich nichts mit Bio oder Kuhhörnern zu tun, sondern mit der Liebe zu dem, was der Winzer macht. Und es gibt eine sehr reife Liebe, die sich jeder Sentimentalität (“Heile-Welt”) auf der einen Seite und Zynismus (“Design”) auf der anderen Seite enthalten kann. Und sobald ich die spüre, beginne ich mich für einen Winzer zu interessieren. Und wenn er/sie es dann noch schafft, diese Hingabe und Zuneigung in den Weinen sinnlich aufscheinen zu lassen, würde ich zaghaft wagen, von Terroir zu sprechen. To make a long story short: deswegen ist Dein Schieferterrassen ein Terroirwein für mich. Du siehst: soooo hoch sind meine Ansprüche gar nicht.


    Trotzdem muss ich das harmonische Bild der Verbrüderung auch wieder stören. In Deinem letzten Post hast Du nämlich den – gottlob – letzten Kritikpunkt an Deinem Buch bereits angedeutet (“Herumeiern”). Da nehme ich ein Buch von dem bekannten Winzer Reinhard Löwenstein in die Hand und lese es von vorne bis hinten durch und erfahre nichts aber auch gar nichts über die Weine von Reinhard Löwenstein. So blieb das zugegeben etwas despektierlich ausgedrückte “Onkel Reinhard erklärt die Wein- welt” übrig, weil eben die Lücke “Herr Löwenstein schildert seinen eigenen Weinansatz” weiterhin klaffte.


    Ich kann mir vorstellen, dass Du Dein Buch nicht als Marketinginstrument Deiner Weine benutzen wolltest. Dass Du damit aber ein redliches Interesse des Lesers unbefriedigt lässt, halte ich weiterhin für einen Fehler vor allem vor dem Hintergrund, dass allein das Persönliche das Liebenswerte ist. Ein wenig kam es mir so vor, wie wenn ich ein Buch von Michael Schumacher lese, in dem er kenntnisreich über den Verbrennungsmotor schreibt, aber seine Jahre bei Ferrari mit keinem Wort erwähnt. Das wäre doch komisch, oder?


    Ich proste auf die “abundancia de flores” und den erotischsten Dichter des 20. Jahrhunderts zurück, Markus 

  • 08. Jan. 2012 by RL

    Posted on  08. Januar by Reinhard Löwenstein


    Markus,


    da nimmst du also mein Buch in die Hand und bist gefrustet, nichts über unsere Weine zu erfahren. Schlimmer noch: Durch mein Herumeiern habe ich d. E. sogar redliches Leserinteresse unbefriedigt gelassen. Was Du zwar irgendwie verstehen kannst weil ich ja mit dem Buch nicht für unsere Weine werben wollte, aber…


    Der Reihe nach. Ich sehe mich erstens nicht als Leserbedürfnisbefriediger. Zu einem Herumeiern wäre es zweitens dann gekommen, wenn ich vom Titel abgekommen immer wieder ein „bei uns im Weingut machen wir das so und so aber man kann es natürlich auch anders sehen“ eingeflochten hätte. Der redliche Leser kann sich drittens nicht beschweren, denn das in Titel, Untertitel und Vorwort gegebene Versprechen habe ich eingelöst. Und ganz im Gegenteil zu deiner empathischen Projektion habe ich viertens die Chuzpe ein Buch zu schreiben, welches natürlich auch dazu beitragen soll, dass wir mehr Wein verkaufen.


    Aber bleiben wir noch ein wenig bei Freud: „…erlaubt als organoleptischer Rorschachtest die Projektion vieler Seelenzustände.“ Was ich im Buch über Terroirwein schreibe, trifft scheinbar auch auf den Autor selbst zu. Nachdem Du mich neulich über meine Neurosenstruktur aufgeklärt hast, folgt jetzt die politische Standortbestimmung: Ich bin also ein 68er Eso-Materialist. Voilà.


    Und was für eine herrliche Heile-Welt-Projektion ins Urchristentum! Das ist ja wie Sonntags von der Kanzel: „Wir brechen keine Gesetzte sondern erweitern sie um die Liebe“. Mon Dieu, die jüdischen Sekten haben seinerzeit ganz ordentlich Gesetzte gebrochen – und wurden entsprechend schikaniert. Und als sie damit aufhörten um sich mehr auf das Jenseits zu fixieren, konnte das Christentum zur Staatsdoktrin avancieren und fortan ganz legal Gesetzte brechen.


    Das Christentum hat mit Terroir eines gemeinsam: Als Softdroge ist es super geeignet zum Verschleiern und Verkleistern. Wenn aber das T-Wort einen Sinn macht, dann nicht um Sand in die Augen sondern um Sand ins Getriebe zu streuen, dann nicht als Fetisch intellektueller Masturbation sondern als Gegenbewegung zum perversen Food- und Mind-Design. Eine Bewegung die sich, wenn sie erfolgreich sein will, in der Tat – da bin ich zumindest semantisch ganz bei Dir – aus der Liebe nährt. Aus der Liebe zum Leben, der Liebe zu den Menschen, der Liebe zur Heimat. Sie ist, wie ich das in Kapitel neun beschrieben habe, aber nicht nur eine Reise nach Innen sondern auch eine Reise nach Außen und kann letztlich nur dann erfolgreich sein, wenn sie Grundlegendes verändert, wenn sie Gesetzte bricht: Das in unserer Gesellschaft legitimierte Recht zur Ausbeutung von Mensch und Natur, zur Manipulation durch die Medien, zur Lüge im Marketing.


    Ein Prosit auf zwei große Veränderer, ein Prosit auf Freud, ein Prosit auf Marx. Reinhard 

  • 10. Feb. 2012 by MV

    Posted on  10. Februar by Markus Vahlefeld


    Holla Reinhard,


    jetzt bist Du auf Krawall gebürstet. Mir soll es Recht sein, auch wenn mein Versuch, Harmonie herzustellen, keiner Laune geschuldet war, sondern eher der Erkenntnis, dass wir beim Wein eventuell doch zueinander finden. Natürlich hast Du Recht, dass mein Satz von der Erweiterung der Gesetze etwas staatstragend daherkam. Da ich aber ganz und gar nicht konfessionell denke, gehen Deine Anwürfe, was das kirchliche Christentum angeht, an mir vorbei. Denn in der Sache, so mein Eindruck, stimmst Du mir ja zu, wenn es darum geht, die ideellen Messlatten an Terroirweine zwar hoch anzusetzen, aber in der Realität dann doch das Ideale durch das Mögliche zu erweitern.


    Und das mit dem 68er-Eso-Materialisten ist halt auch so ein Eindruck von mir. Denn Deine Ikonen – Freud, Marx, Buddha, Neruda – deuten alle auf die Entwicklungs- schiene der 68er-Bewegung, die ihren ideologischen Stalinismus um die religionser- setzende Esoteriktoleranz erweitert hat. Das riecht zwar in meinen Augen etwas gestrig und unterschlägt die Akzente, die ein Blumenberg, Popper oder Luhmann gesetzt haben, aber hübsch anzuschauen sind Deine Ikonen als Teil unserer Popkultur allemal.


    Ich möchte lieber auf etwas zurückkommen, wo für mich noch Klärungsbedarf herrscht. Du schriebst, dass Du gerne über den Koan “wie schmeckte der Kellerberg, bevor ihn der Mensch gemacht hat” meditierst, widersprachst aber meiner Ansicht, dass eben mit genau dieser Meditation in Dir ein “Urbild” erwächst. Vielmehr merktest Du, dass es einen “Urkellerberg” gar nicht geben könne. Da mag ich Dir gar nicht widersprechen, denn das eine schließt ja das andere gar nicht aus. Das Urbild, was man durch diese Meditation erhält, wird nie und nimmer (materiell) real werden. Es ist eine rein ideelle Realität, die sich nie materialisiert. Es ist eine Idee, die, je öfter man (in dem Fall: der Winzer) im Kellerberg steht, sich desto mehr mit Informationen und Details auflädt. Diese Idee dann in ein so vergängliches Produkt wie Wein zu über- setzen, ist halt die hohe Schule des Winzers. Ich möchte dennoch vorerst dabei bleiben: am Beginn steht die Idee, die sich dann durch Einflüsse wie Klonauswahl, Jahrgangsverlauf oder Kellerarbeit mal mehr, mal weniger ideal materialisiert.


    Stimmst Du mir bis dahin zu? Falls nicht, warum sollte man sonst über den Koan “wie schmeckte der Kellerberg, bevor ihn der Mensch gemacht hat?” meditieren? Doch nicht aus Zeitvertreib? Bis hierhin ist es jedoch ein Allgemeinplatz. Für mich entscheidend ist das Folgende: jede Handlung, jede Technik, die der Winzer wählt, bleibt aufgehängt an den Marionettenfäden seiner Idee. Es muss also einen Zusammenhang zwischen der “Meditation” und den einzelnen Schritten innerhalb der Bereitstellung des Weins geben (das klingt jetzt zugegebenermaßen recht technokratisch – ich hoffe, Du siehst mir das nach). Mit jedem Schritt, zu dem sich der Winzer entschließt, schließt er ja Dutzende andere Handlungsmöglichkeiten aus. Was also treibt ihn zu eben jenem Entschluss? Pragmatismus? Dann dürfte dieser Entschluss nicht schmeckbar sein. Weindesign? Da beginnt schon die dunkle Seite der Medaille, einfach aus dem Grund, weil dann der Idee ein Fehler innewohnt. Sie hätte sich von dem Ursprungsmaterial “Kellerberg” verabschiedet und es für nötig befunden, etwas Kellerberg-Fremdes hinzuzufügen. Oder blanker Anpassungsdruck nach dem Motto: die Kunden wünschen den Wein halt so? Dann wiederum hätte er sich von seiner Idee entfremdet.


    Erst ein Wein, der zwischen Idee und Endprodukt möglichst wenig Entfremdungsferne aufweist, ist ein Terroirwein für mich. Dass jeder Winzer eine andere Idee hat – natürlich auch eine andere Idee als ich -, macht ja gerade das Persönliche des Weins aus. Nur: eine IDEE muss der Winzer haben. Denn nur über die lässt sich streiten.


    Oder andersherum: wie gehst Du – Reinhard Löwenstein ganz konkret – als Winzer mit “Terroir” um? Es grüßt Dich, Markus 

  • 17. Feb. 2012 by RL

    Posted on  17. Januar by Reinhard Löwenstein


    Markus,


    Da plädiere im Buch für eine „nach vorne gerichtete Rezeption Steiner’scher Gedanken“ um „die sinnvollen Aspekte wie den ganzheitlichen Ansatz und die ökologisch wertvollen Präparate herauspicken und weiterentwickeln ( zu ) können“ – und du machst daraus unlauteres Verteufeln der biodynamischen Produktionsweise.


    Der 68er Bewegung – und damit mir, da du mich ja in diese Schublade steckst – hängst du einen ideologischen Stalinismus an und meine Verweise auf Freud, Marx, Buddha und Neruda riechen in deinen Augen ( sic! ) deshalb „etwas gestrig“, da ich bei den vielen „Modernen“, die zu Wort kommen lasse, die Herren Popper & CO ignoriere.


    Und meine Hinweise auf derartige Seltsamkeiten interpretierst Du als „auf Krawall gebürstet“. Seltsam. Nein, Markus, ich sehe in Dir auch absolut keinen, wie du schreibst, „verblendeten Anti-Fundi“. Eher das Gegenteil. Bei der Energie, mit der du Steiner verteidigst und dafür plädierst, zur Ortung von Terroir mit Michelangelo „nur die Hülle abzuschlagen“ und „Goethes Urpflanze auf den Wein (zu) übertrage(n)“, sehe ich dich mit einem Bein noch tief im Mittelalter stecken.


    Bleiben wir bei der Urpflanze. Nirgends habe ich geschrieben, gerne über besagten Koan mit der Suche nach dem Ur-Geschmack zu meditieren. Warum sollte ich? Es ist aus meiner Sicht eine geeignete Methode das herauszufinden, wovon ich ja so wie so überzeugt bin: Dass es eine Urpflanze à la Goethe und Steiner nicht gibt und nicht geben kann. Du schreibst, dies sei kein Widerspruch da es sich bei dem Urbild ja um eine „rein ideelle Realität, die sich nie materialisiert“ handle. May be… So etwas Ähnliches kenne ich aus dem Weltbild der Ureinwohner Australiens … Aber – sorry – das ist mir zu hoch, da steige ich aus.


    Seit über 500 Jahren lebt meine Familie von den Winninger Weinbergen, die schon von Römern und höchstwahrscheinlich auch Kelten bewirtschaftet wurden. Kein Wunder, dass sich der Weingeschmack als quasi archetypische Gestalt manifestiert hat. „Der Uhlen ist fest, stark, ein Männerwein, der Röttgen ist sanft, blumig, ein Frauen- wein.“ Das begleitet mich seit meiner Kindheit. Und ist – wenn man die Geschlechtszuweisung nicht überstrapaziert – auch heute noch richtig. Neugierig versuche ich seit Jahren herauszufinden, warum das so ist. Wir wissen schon recht viel über Schiefer, Böden und Klima. Aber auch wenn die von mir geforderte Doktorarbeit über einen mikrobiellen Terroirvergleich irgendwann mal geschrieben sein wird – ich glaube nicht, dass wir dann sehr viel mehr wissen. Und eigentlich will ich es auch nicht wissen, denn ich habe keine Lust, dass die geschmackliche Einzigartigkeit unserer Weinberge irgendwann durch geschickte Manipulation kopiert wird.


    Mit unserer ersten Ernte im Jahre 1985 hatten wir den Geschmack von Uhlen Roth Lay und Röttgen dann endlich auch in unseren eigenen Flaschen. Nicht, weil wir irgendetwas Besonderes mit den Trauben angestellt hätten, sondern einfach so. Über die Jahre haben wir dann vieles geändert, auf Schönungen und Zuchthefen verzichtet, Holzfässer gekauft, den Weinen ein immer längeres Hefelager gegönnt… Aber nicht, um hinter irgendeiner Vision von „Typisch“ her zu vinifizieren, sondern weil wir es einfach besser und stimmiger finden, so zu arbeiten. Die Weine schmecken heute immer noch genauso nach Röttgen und Uhlen, aber sie schmecken tiefer, komplexer, haben ein wesentlich größeres Reifepotential und sind damit unserer Meinung nach besser. Es ist schon so, dass ich ab und zu darüber nachdenke, welches Hefelager welchem Terroir am besten steht und ob wir nicht… Aber im Grunde genommen ist mir die Vorstellung einer zielorientierten Vinifikation zutiefst zuwider. Aus ganz egoistischen Gründen. Manchmal muss ich, aber im Grunde genommen will ich gar nicht der „Herr“ über meine Weine sein. Ich will ein Teil von ihnen sein. Ich will im Keller das tun, was ich meine, was gerade getan sein sollte, ohne unbedingt zu wissen warum, wieso, weshalb. Ich will abwarten, will mich überraschen lassen… Meine tiefste Befriedigung als Winzer resultiert aus der Hingabe, erwächst dem mich Fallenlassen, dem mich als ein Teil des Ganzen fühlen.


    Mein lieber Streithahn Markus, ich habe bei unserer Diskussion mittlerweile das Gefühl, „alles gesagt“ zu haben. Wie siehst Du das? 

  • 19. Feb. 2012 by MV

    Posted on 19. Februar 2012 by Markus Vahlefeld



    Lieber Reinhard,


    auch wenn ich finde, dass Du vor allem mit Deinem letzten Beitrag erst mit dem Sprechen richtig angefangen hast, habe ich ebenfalls den Eindruck, dass wir mit unserem Dialog an ein vorläufiges Ende gekommen sind. 


Terroir. Buch Kosmos, 2009 

Pressestimmen und ein Streitgespräch


Seit Beginn der Ziviliation begleitet uns der Wein, ist Göttertrank, Droge, Genuss ... Und heute? Mehr und mehr dominieren technisch perfekt gemachte, marktgerecht gestilte Weine den Markt. Parallell wächst jedoch die Sehnsucht nach ehrlichen, nach kulturbeseelten Weinen. Die Sehnsucht nach "Terroirwein", entstanden durch das schöpferische Zusammenspiel von Boden, Reben, Klima und der Kunst des Winzers. 


Das Buch beleuchtet verschiedene Aspelte von Terroir als Basis für eine Gegenbewegung zu industrialisiertem Fastfood in der Weinwelt


Kosmos, Stuttgart, 2009, ISBN 978 344 011 792 7  Das Buch mittlerweile vergriffen und nur noch antiquarisch oder als EBook erhältlich.


  • Pressestimmen

    »Der Winzer ist nicht nur ein Künstler im Grenzbereich von Chaos und Perfektion sondern auch ein Essayist von Gnaden. Authentisch, aber nicht idiosynkratisch, unorthodox, aber prinzipienfest, heimatverbunden, aber alles andere als –tümelnd« Frankfurter Allgemeine Zeitung  


    »Weinschreibe-Kultur, wie im englischen Sprachraum, die auch literarische Ansprüche erfüllt, ist hier erst im Entstehen. ‚Terroir’ von Reinhard Heymann-Löwenstein, wortgewaltiger deutscher Winzer der Oberliga zählt zu diesem neuen Genre der Wein-Literatur« Der Standart, Wien


    »Es ist außerordentlich selten, dass man als Leser von Weinbüchern so einem geistreichen Autor begegnet wie diesem. Löwenstein ist als Autor und als Winzer einer, auf den man sich verlassen kann, was persönliche Verantwortlichkeit gegenüber dem Produkt und auch was dessen Qualität anbelangt« Frankfurter Rundschau 


    »Das Buch ist ein Pamphlet. Der Schlachtenlärm, den es bisweilen entfaltet, kann sich aber in Musik verwandeln, wenn man bei der Lektüre eine gute Flasche offen hat.« Süddeutsche Zeitung 


    »Ein lesenswertes Buch hat einer der besten deutschen Winzer geschrieben.« Neue Züricher Zeitung 


    »Löwenstein ist nicht nur ein begnadeter Winzer sondern auch ein Künstler der deutschen Sprache. Immer wieder dringen sein Humor, seine nie verletzende Ironie durch. Ein Bestseller, den man nur empfehlen kann« Schweizer Winzerzeitung  


    »Reinhard Löwenstein hat ein Buch verfasst in dem er weit ausholt um kulturgeschichtliche, mythologische und philosophische Aspekte des Weinbaus und des Weintrinkens zu beschreiben« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 


    »Ein spannendes Buch, das viel über die Philosophie des Winzers vermittelt« Essen & Trinken 


    »Wo Heymann-Löwenstein mit Karl Marx beginnt, endet er mit Apollon. Dazwischen liegen – im besten Sinne der Worte – unterhaltsame und kurzweilige Seiten.« http://weinverkostungen.de  


    »Reinhard Löwenstein hat den Terroir-Begriff als Gegenentwurf zum Industriewein in Position gebracht « www.weinplus.de 


    »Ein angenehmer Verzicht auf Sendungsbewusstsein öffnet die Tür zu einem wunderbar leichtfüßigen, essayistischen Stil - jederzeit humorvoll und gelegentlich auch ein wenig bissig geschrieben« Dominik Ziller  


    »Viel gekichert, gestaunt und ein Menge gelernt. Viel mehr kann man nicht erwarten. Kompliment. Großartig!« Prof. Dr. Hans-Jörg Koch 


    »Ein Fachbuch, das spannend und unterhaltsam zu lesen ist, in manchen Passagen nachdenklich stimmt und viel Zustimmung verdient« Vinum, Zürich  


    »…ein groß angelegtes, intellektuelles Gedankenspiel rund um das Kulturgut Wein.« Rhein-Zeitung

   das Streitgespräch mit Markus Vahlefeld

  • 12. Dez. 2011 by MV

    Posted on 12. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    Du weißt, dass auch mich der Begriff Terroir umtreibt. Deswegen war ich so gespannt auf Dein Buch und auch so enttäuscht. Nein, ich hatte von Dir nicht erwartet, dass Du eine Begriffsdefinition von „Terroir“ lieferst. Dazu kenne ich Dich zu gut und weiß um Deine Abneigung gegen Definitionen. Dennoch: der Begriff Terroir steht im Titel des Buches und ich hatte gehofft, Neues zu erfahren oder zumindest eine Weiterführung dessen, was Du mit Deinem FAZ-Manifest vom 07. Oktober 2003 angestoßen hattest. Nur blieb am Ende des Tages nichts Neues übrig, zumindest nichts, was den Begriff Terroir aus seiner Beliebigkeit in eine sinnhafte Engführung überführt hätte.


    Oder doch: neu war für mich, in welcher Form Du die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise verteufelst. An insgesamt fünf Stellen kommst Du auf Rudolf Steiner zu sprechen und mehrmals stellst Du ihn in die Nähe der Nazis. Du fragst ganz explizit, ob die Winzer, die heute biologisch-dynamisch arbeiten, Steiner überhaupt gelesen haben und unterstellst damit, dass, wenn sie es getan hätten, sie nie und nimmer so wirtschaften würden. Das hat mich geärgert, weil Du damit die biologisch-dynamisch arbeiten Winzer entweder für dumm (besser: unbelesen) erklärst, oder in die Nähe von Nazis stellst.


    Nur eine Bitte: lass uns nicht über die Anthroposophen oder Rudolf Steiner debattieren. Es mag ja alles Humbug sein, was der Herr Steiner da verzapft hat. Und mit den Anthroposophen habe ich es auch nicht gerade leicht. Aber das wäre ein Nebenschauplatz. Denn der Hauptschauplatz heißt immer noch: Terroir. Und da liefern die bio- logisch-dynamisch arbeitenden Winzer oftmals sehr überzeugende Resultate.


    Aber jetzt tue ich schon so, als wüsste ich, was Terroir sei und wie ein Terroirwein zu sein habe. Aber das weiß ich ja gar nicht. Ich weiß nur, dass es langweilige Weine und dass es spannende Weine gibt. Und die spannenden Weine rücke ich in die Nähe von Terroirweinen. Warum? Weil ich Terroir noch immer für einen Qualitätsbegriff halte. Also: ein Terroirwein ist spannend und hat einen Qualitätsanspruch und sei es nur der, authentisch zu sein. Weine ohne Spannung und Authentizität sind für mich keine Ter- rorweine.


    Und trotzdem benutze ich den Begriff Terroir nicht (außer jetzt, in unserem Streitgespräch), weil er faul geworden und wie welkes Laub von den Bäumen gefallen ist. Als Dein Manifest herauskam, war der Begriff eine Erweckung. Terroir hob in seiner mysteriösen Unauslotbarkeit alles auf, was Wein ausmacht. Aber: weil der Begriff sich jeder Definition sperrte, wurde er beliebig. Vielleicht liegt es an unserer Moderne, dass die Halbwertszeit von richtigen Begriffen allzu kurz geworden ist. Denn auf einmal war aus Terroir ein Marketing-Gag geworden. Jeder dahergelaufene Kartoffelacker-Wein war ein Terroirwein. Und es gab keine Argumente, ihm diesen Begriff abzusprechen. Und so hielt ich es für ehrlicher, auf die Benutzung dieses Begriffes fortan zu verzichten.


    Überzeuge mich doch bitte, dass dies falsch war.


    Herzlich, Markus 

  • 14. Dez. 2011 by RL

    Posted on 14. Dezember 2011 by Reinhard Löwenstein


    Lieber Markus,


    durch welche Brille hast du denn das Buch gelesen? Wo, bitteschön, verteufle ich die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise? Wie kannst du mir die Meinung unterstellen, dass jemand, der Steiner gelesen hat, niemals biologisch-dynamisch arbeiten würde? Er würde sich, wenn er klar in der Birne ist, nicht die Anthroposophie auf die Fahnen schreiben. Das habe ich geschrieben. Und richtig ist auch, dass ich Nicolas Joly, dem porte parole der Bewegung, eine fundamentalistisch-scholastische statt kontemporär-kritische Rezeption von Rudolf Steiner vorwerfe. Aber Winzer, die biodynamische Tools in ihren Weingütern praktizieren – wie wir ja übrigens auch –, sind genauso Dumm oder Nazis wie das fünfte Gebot einhaltende Pazifisten Erz-Katholiken.


    „Definition“ scheinen wir unterschiedlich zu interpretieren. Aus meiner Sicht ist das Buch mein Vorschlag einer zeitgemäßen Definition von Terroir. Vom „T-Wort“, von dem du die Nase voll hast. Warum wir trotzdem dabei bleiben sollten? Hic rhodos…


    In unserem Wirtschaftssystem werden kurz oder lang alle positiv besetzten Zeitgeistbegriffe an Waren und Dienstleitungen geklebt, um sie besser verkaufen zu können. Leider. Aber sollen wir deshalb auf Begriffe wie Öko, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Demokratie, Regionalität, Fair-Trade etc. verzichten? Aus meiner Sicht benötigen wir keine neuen Worte sondern eine aufgeklärte Gesellschaft couragierter Individuen die in der Lage sind, besser den Stall zu misten. Wie du richtig schreibst, wurde aus dem „in Europa umgehenden Gespenst“, als welches ich Terroir in der FAZ 2003 bezeichnete, eine oftmals profane Cash Cow. Davon angewidert denke auch ich oft darüber nach, ob nicht ein anders Wort die mir wichtigen Inhalte des Begriffs sinnvoller beschreiben und durch eine einfachere Begrifflichkeit eine bessere und für jeden nachvollziehbare Abgrenzung zum kulturlosen Plastikwein ermöglicht würde. Sorry Markus. Mir ist noch nichts Besseres eingefallen. Entweder die Begriffe greifen zu kurz und beschreiben nur einen Aspekt – wie Ökowein, nachhaltiger Wein etc. Oder sie haben seltsame Konnotationen wie etwa „Heimatwein“. Was inhaltlich passt wäre „Kulturbeseelter Wein“. Aber das klingt irgendwie zu dick aufgetragen und ist mir zu schwülstig. Und letztlich hätten wir das gleiche Dilemma. Was ist schon Kultur? Und was beseelt?


    Lass’ uns beim „Terroir“ bleiben. Das Wort passt. Es weist auf die Erde hin, auf den Weinberg, den symbolischen Gegenpol der modernen Kellerkinder. Und beim Nachdenken wird schnell klar, dass ein Weinberg keine Naturlandschaft sondern eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft ist, und dass bei der Agrikultur, bei der Art und Weise der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, der Geisteshaltung der handelnden Subjekte elementare Bedeutung zukommt. Dies auf zu zeigen und verschiedene Formen zu beschreiben und zu werten ist einer der Fäden, der sich durch das Buch zieht. Eine Auseinandersetzung, die mir nach wie vor notwendig und sinnvoll erscheint, bei der es aber mehr auf die Inhalte als auf die Überschriften ankommt.


    Ganz herzlich von der Mosel, 


    Reinhard 

  • 16. Dez. 2011 by MV

    Posted on 16. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld



    Lieber Reinhard,


    Handeln wir erstmal meine Brille und den ollen Steiner ab. Du schreibst in Deinem Buch (S. 62): Wenn es ja nur die Dummen und die Nazis wären, die sich heute biologisch-dynamisch nennen. Aber nein, es sind auch die intelligenten, sympathischen, die Vordenker. Haben die noch nie was von Steiner gelesen? Ich sage nochmals: damit implizierst Du, dass, hätten sie Steiner gelesen, sie sich niemals biologisch-dynamisch nennen würden. Und ich halte meine Interpretation für ganz und gar nicht unredlich.


    Dass Du dann noch Nicolas Joly als Chefideologen der Bio-dyns frontal aufs Korn nimmst, hat mein Unbehagen noch gesteigert. Denn weißt Du was? Er ist der Reinhard Löwenstein der Franzosen. Er ist der “Terroirist”, der Du auch bist. Und wie so oft bei charismatischen Menschen, wird er wie ein Guru angehimmelt. So wie Du (und Du weißt, wie unbehaglich sich das anfühlt). Kurzum: ich wurde beim Lesen dieser Passagen das Gefühl nicht los, dass Du bei Bio-Dyn / Joly ein Spiegelgefecht ausfechtest. Und ich erlaube mir mit einem Zitat aus Deinem Buch (C.G. Jung) diesen Absatz zu beschließen: Wer nach außen blickt, träumt/wer nach innen blickt, erwacht.


    Aber jetzt kehre ich zum Terroir zurück. Dein Buch hat 10 Kapitel. Die Kapitel 2-8 behandeln jedoch, wenn ich es jetzt ganz verkürzt ausdrücke, das Thema Terroir nicht. Nach nochmaligem Durchlesen kommen mir die Kapitel wie “Onkel Reinhard erklärt die Weinwelt” vor. Ich betone: Dein persönlicher Blick ist durchaus interessant und schreiben kannst Du wirklich gut. Aber wo war noch gleich das Terroir geblieben? Der weite Bogen, zu dem Du ausholst, hatte für mich keine erkennbare Klammer. Terroir sollte der Überbau sein, aber ich habe mich eher in Effi Briests weitem Feld herumirren sehen. Kann man Terroir also nicht definieren? Dein Buch impliziert das. Ich hätte mir dennoch eine größere Definitionsanstrengung gewünscht. Lass sie uns vornehmen!


    Ich habe mich lange gefragt, warum der Begriff Terroir in Deutschland eine derartige Faszination ausübt. Dass er aus dem Französischen kommt, spielt der Faszination ganz sicher in die Hände. Immerhin ist Frankreich “savoir vivre” und in der Wahrnehmung jedes Weinliebhabers ganz weit vorne. Und dann die französische Sprache! Allein schon phonetisch ist “le terroir” so ziseliert und bereits kulturwürdig, während das deutsche Pendant “Boden” eher dumpf und dunkel daher kommt. Terroir und Boden verhalten sich ungefähr so wie “Esprit” und “Geist”. Sie meinen das gleiche, deuten aber jeweils woanders hin. Der Espirt spricht von Inspiration und Lebendigkeit, während der Geist eher auf das Unheimliche weist. Der Mensch hat Esprit. Geist hat der Mensch nicht, dem Geist unterwirft er sich.


    Bei Terroir ist es ähnlich. Terroir bezieht immer den Menschen mit ein, ist gewachsene Kultur, ist stolze Tradition und Historie. Terroir hat Esprit. Der deutsche Boden ist ungleich dunkler und wenn man ihn mit Geist auflädt, führt er direkt zu Odin oder noch schlimmeren deutschen Blutmythen. Und genau das war es, was mir beim Gebrauch des Terroirbegriffs in Deutschland so aufgestoßen ist. Terroir hieß immer nur “Boden” – aber weil wir Weinliebhaber so kultiviert sind und Boden ein so schlechtes Image hat, ersetzten wir ihn einfach durch “Lage”.


    Ein Lagenwein bot alle Voraussetzungen, ein Terroirwein zu sein. Aber weißt Du was? Ein Lagenwein ist ein Lagenwein. Warum muss man die Lage noch mit einem so großen Begriff wie Terroir unterfüttern? Ein Lagenwein mit Terroir ist wie ein weisser Schimmel. So weit für heute!


    Es grüßt Dich herzlich, 


    Markus 

   das Streitgespräch mit Markus Vahlefeld

  • 12. Dez. 2011 by MV

    Posted on 12. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    Du weißt, dass auch mich der Begriff Terroir umtreibt. Deswegen war ich so gespannt auf Dein Buch und auch so enttäuscht. Nein, ich hatte von Dir nicht erwartet, dass Du eine Begriffsdefinition von „Terroir“ lieferst. Dazu kenne ich Dich zu gut und weiß um Deine Abneigung gegen Definitionen. Dennoch: der Begriff Terroir steht im Titel des Buches und ich hatte gehofft, Neues zu erfahren oder zumindest eine Weiterführung dessen, was Du mit Deinem FAZ-Manifest vom 07. Oktober 2003 angestoßen hattest. Nur blieb am Ende des Tages nichts Neues übrig, zumindest nichts, was den Begriff Terroir aus seiner Beliebigkeit in eine sinnhafte Engführung überführt hätte.


    Oder doch: neu war für mich, in welcher Form Du die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise verteufelst. An insgesamt fünf Stellen kommst Du auf Rudolf Steiner zu sprechen und mehrmals stellst Du ihn in die Nähe der Nazis. Du fragst ganz explizit, ob die Winzer, die heute biologisch-dynamisch arbeiten, Steiner überhaupt gelesen haben und unterstellst damit, dass, wenn sie es getan hätten, sie nie und nimmer so wirtschaften würden. Das hat mich geärgert, weil Du damit die biologisch-dynamisch arbeiten Winzer entweder für dumm (besser: unbelesen) erklärst, oder in die Nähe von Nazis stellst.


    Nur eine Bitte: lass uns nicht über die Anthroposophen oder Rudolf Steiner debattieren. Es mag ja alles Humbug sein, was der Herr Steiner da verzapft hat. Und mit den Anthroposophen habe ich es auch nicht gerade leicht. Aber das wäre ein Nebenschauplatz. Denn der Hauptschauplatz heißt immer noch: Terroir. Und da liefern die bio- logisch-dynamisch arbeitenden Winzer oftmals sehr überzeugende Resultate.


    Aber jetzt tue ich schon so, als wüsste ich, was Terroir sei und wie ein Terroirwein zu sein habe. Aber das weiß ich ja gar nicht. Ich weiß nur, dass es langweilige Weine und dass es spannende Weine gibt. Und die spannenden Weine rücke ich in die Nähe von Terroirweinen. Warum? Weil ich Terroir noch immer für einen Qualitätsbegriff halte. Also: ein Terroirwein ist spannend und hat einen Qualitätsanspruch und sei es nur der, authentisch zu sein. Weine ohne Spannung und Authentizität sind für mich keine Ter- rorweine.


    Und trotzdem benutze ich den Begriff Terroir nicht (außer jetzt, in unserem Streitgespräch), weil er faul geworden und wie welkes Laub von den Bäumen gefallen ist. Als Dein Manifest herauskam, war der Begriff eine Erweckung. Terroir hob in seiner mysteriösen Unauslotbarkeit alles auf, was Wein ausmacht. Aber: weil der Begriff sich jeder Definition sperrte, wurde er beliebig. Vielleicht liegt es an unserer Moderne, dass die Halbwertszeit von richtigen Begriffen allzu kurz geworden ist. Denn auf einmal war aus Terroir ein Marketing-Gag geworden. Jeder dahergelaufene Kartoffelacker-Wein war ein Terroirwein. Und es gab keine Argumente, ihm diesen Begriff abzusprechen. Und so hielt ich es für ehrlicher, auf die Benutzung dieses Begriffes fortan zu verzichten.


    Überzeuge mich doch bitte, dass dies falsch war.


    Herzlich, Markus 

  • 14. Dez. 2011 by RL

    Posted on 14. Dezember 2011 by Reinhard Löwenstein


    Lieber Markus,


    durch welche Brille hast du denn das Buch gelesen? Wo, bitteschön, verteufle ich die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise? Wie kannst du mir die Meinung unterstellen, dass jemand, der Steiner gelesen hat, niemals biologisch-dynamisch arbeiten würde? Er würde sich, wenn er klar in der Birne ist, nicht die Anthroposophie auf die Fahnen schreiben. Das habe ich geschrieben. Und richtig ist auch, dass ich Nicolas Joly, dem porte parole der Bewegung, eine fundamentalistisch-scholastische statt kontemporär-kritische Rezeption von Rudolf Steiner vorwerfe. Aber Winzer, die biodynamische Tools in ihren Weingütern praktizieren – wie wir ja übrigens auch –, sind genauso Dumm oder Nazis wie das fünfte Gebot einhaltende Pazifisten Erz-Katholiken.


    „Definition“ scheinen wir unterschiedlich zu interpretieren. Aus meiner Sicht ist das Buch mein Vorschlag einer zeitgemäßen Definition von Terroir. Vom „T-Wort“, von dem du die Nase voll hast. Warum wir trotzdem dabei bleiben sollten? Hic rhodos…


    In unserem Wirtschaftssystem werden kurz oder lang alle positiv besetzten Zeitgeistbegriffe an Waren und Dienstleitungen geklebt, um sie besser verkaufen zu können. Leider. Aber sollen wir deshalb auf Begriffe wie Öko, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Demokratie, Regionalität, Fair-Trade etc. verzichten? Aus meiner Sicht benötigen wir keine neuen Worte sondern eine aufgeklärte Gesellschaft couragierter Individuen die in der Lage sind, besser den Stall zu misten. Wie du richtig schreibst, wurde aus dem „in Europa umgehenden Gespenst“, als welches ich Terroir in der FAZ 2003 bezeichnete, eine oftmals profane Cash Cow. Davon angewidert denke auch ich oft darüber nach, ob nicht ein anders Wort die mir wichtigen Inhalte des Begriffs sinnvoller beschreiben und durch eine einfachere Begrifflichkeit eine bessere und für jeden nachvollziehbare Abgrenzung zum kulturlosen Plastikwein ermöglicht würde. Sorry Markus. Mir ist noch nichts Besseres eingefallen. Entweder die Begriffe greifen zu kurz und beschreiben nur einen Aspekt – wie Ökowein, nachhaltiger Wein etc. Oder sie haben seltsame Konnotationen wie etwa „Heimatwein“. Was inhaltlich passt wäre „Kulturbeseelter Wein“. Aber das klingt irgendwie zu dick aufgetragen und ist mir zu schwülstig. Und letztlich hätten wir das gleiche Dilemma. Was ist schon Kultur? Und was beseelt?


    Lass’ uns beim „Terroir“ bleiben. Das Wort passt. Es weist auf die Erde hin, auf den Weinberg, den symbolischen Gegenpol der modernen Kellerkinder. Und beim Nachdenken wird schnell klar, dass ein Weinberg keine Naturlandschaft sondern eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft ist, und dass bei der Agrikultur, bei der Art und Weise der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, der Geisteshaltung der handelnden Subjekte elementare Bedeutung zukommt. Dies auf zu zeigen und verschiedene Formen zu beschreiben und zu werten ist einer der Fäden, der sich durch das Buch zieht. Eine Auseinandersetzung, die mir nach wie vor notwendig und sinnvoll erscheint, bei der es aber mehr auf die Inhalte als auf die Überschriften ankommt.


    Ganz herzlich von der Mosel, 


    Reinhard 

  • 16. Dez. 2011 by MV

    Posted on 16. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld



    Lieber Reinhard,


    Handeln wir erstmal meine Brille und den ollen Steiner ab. Du schreibst in Deinem Buch (S. 62): Wenn es ja nur die Dummen und die Nazis wären, die sich heute biologisch-dynamisch nennen. Aber nein, es sind auch die intelligenten, sympathischen, die Vordenker. Haben die noch nie was von Steiner gelesen? Ich sage nochmals: damit implizierst Du, dass, hätten sie Steiner gelesen, sie sich niemals biologisch-dynamisch nennen würden. Und ich halte meine Interpretation für ganz und gar nicht unredlich.


    Dass Du dann noch Nicolas Joly als Chefideologen der Bio-dyns frontal aufs Korn nimmst, hat mein Unbehagen noch gesteigert. Denn weißt Du was? Er ist der Reinhard Löwenstein der Franzosen. Er ist der “Terroirist”, der Du auch bist. Und wie so oft bei charismatischen Menschen, wird er wie ein Guru angehimmelt. So wie Du (und Du weißt, wie unbehaglich sich das anfühlt). Kurzum: ich wurde beim Lesen dieser Passagen das Gefühl nicht los, dass Du bei Bio-Dyn / Joly ein Spiegelgefecht ausfechtest. Und ich erlaube mir mit einem Zitat aus Deinem Buch (C.G. Jung) diesen Absatz zu beschließen: Wer nach außen blickt, träumt/wer nach innen blickt, erwacht.


    Aber jetzt kehre ich zum Terroir zurück. Dein Buch hat 10 Kapitel. Die Kapitel 2-8 behandeln jedoch, wenn ich es jetzt ganz verkürzt ausdrücke, das Thema Terroir nicht. Nach nochmaligem Durchlesen kommen mir die Kapitel wie “Onkel Reinhard erklärt die Weinwelt” vor. Ich betone: Dein persönlicher Blick ist durchaus interessant und schreiben kannst Du wirklich gut. Aber wo war noch gleich das Terroir geblieben? Der weite Bogen, zu dem Du ausholst, hatte für mich keine erkennbare Klammer. Terroir sollte der Überbau sein, aber ich habe mich eher in Effi Briests weitem Feld herumirren sehen. Kann man Terroir also nicht definieren? Dein Buch impliziert das. Ich hätte mir dennoch eine größere Definitionsanstrengung gewünscht. Lass sie uns vornehmen!


    Ich habe mich lange gefragt, warum der Begriff Terroir in Deutschland eine derartige Faszination ausübt. Dass er aus dem Französischen kommt, spielt der Faszination ganz sicher in die Hände. Immerhin ist Frankreich “savoir vivre” und in der Wahrnehmung jedes Weinliebhabers ganz weit vorne. Und dann die französische Sprache! Allein schon phonetisch ist “le terroir” so ziseliert und bereits kulturwürdig, während das deutsche Pendant “Boden” eher dumpf und dunkel daher kommt. Terroir und Boden verhalten sich ungefähr so wie “Esprit” und “Geist”. Sie meinen das gleiche, deuten aber jeweils woanders hin. Der Espirt spricht von Inspiration und Lebendigkeit, während der Geist eher auf das Unheimliche weist. Der Mensch hat Esprit. Geist hat der Mensch nicht, dem Geist unterwirft er sich.


    Bei Terroir ist es ähnlich. Terroir bezieht immer den Menschen mit ein, ist gewachsene Kultur, ist stolze Tradition und Historie. Terroir hat Esprit. Der deutsche Boden ist ungleich dunkler und wenn man ihn mit Geist auflädt, führt er direkt zu Odin oder noch schlimmeren deutschen Blutmythen. Und genau das war es, was mir beim Gebrauch des Terroirbegriffs in Deutschland so aufgestoßen ist. Terroir hieß immer nur “Boden” – aber weil wir Weinliebhaber so kultiviert sind und Boden ein so schlechtes Image hat, ersetzten wir ihn einfach durch “Lage”.


    Ein Lagenwein bot alle Voraussetzungen, ein Terroirwein zu sein. Aber weißt Du was? Ein Lagenwein ist ein Lagenwein. Warum muss man die Lage noch mit einem so großen Begriff wie Terroir unterfüttern? Ein Lagenwein mit Terroir ist wie ein weisser Schimmel. So weit für heute!


    Es grüßt Dich herzlich, 


    Markus 

  • 18. Dez 2011 by RL

    Posted on 18. Dezember 2011 by Reinhard Löwenstein


    Lieber Markus,


    Die Frage, ob Odins Blutmythen schlimmer sind als Steiners sehnsüchtige Teichoskopie in voratlantische Zeiten, würde ich gerne später diskutieren. Ich möchte deine Bio-Dyn-Kommentare so stehen lassen, um an der Baustelle „Definition“ weiter zu kommen.


    Du fragst – halb rhetorisch – ob man Terroir überhaupt definieren kann, postulierst ein „let’s go“ um letztendlich den Begriff als Tautologie doch ad absurdum zu führen.


    Es ist diese Art von logischer Beweisführung, die jeden, der versucht ein paar Nägel ein zu schlagen, zur Verzweiflung bringt. Ob philosophische Entwürfe à la Hegel, mathematische Formeln, Gott, Mensch... Immer gilt der Satz Gödels, dass bei einer stringen- ten Definition das logische KO einem jedem geschlossenen System immanent ist. Im Epilog muss sich dies der für Vernunft zuständige Apollon ausgerechnet von seinem chaotischen Erzrivalen Dionysos aufs Butterbrot schmieren lassen. (Im Buch erfolgt die Demontage des Begriffs am Ende des Kapitels 9, mein Vorschlag damit umzu gehen, steht in Kapitel 10.)


    Die von dir vermisste „Klammer“ über den einzelnen Kapiteln kannst du nur erkennen, wenn du dich auf die Sichtweise einlässt, dass komplexe Begriffe nicht linear, sondern nur systemisch beschrieben werden können. Der Mensch besteht nicht zu 50% aus Körper und zu 50% aus Geist, sondern aus – wenn schon unbedingt Prozent, dann aus – jeweils 100. Ein Terroirwein besteht so wenig aus je 33% Weinberg, Klima und Mensch wie aus je 33% Spannung, Heimat und Emanzipation. Es sind dies alles Aspekte eines Terroirweins, Seiten eines multidimensionalen Würfels. Welche sind wichtig? Wie viele soll ich beschreiben? Für mich war dies die schwierigste Herausforderung bei der Planung des Buches. Dabei – ich habe im Vorwort darauf hingewiesen – stand weniger die Frage „richtig oder falsch“, sondern ein „ist das sinnvoll“ im Vordergrund. Ich habe mich für 10 Kapitel = 10 Aspekte von Terroir entschieden. Die Zahl 10 ist in unserer Kultur eine runde Sache. Und sie erlaubt mir, ausgehend von den Archetypen, die symbolisch hinter dem Sephirot und den ersten 10 Trümpfen des Tarot-Spiels stehen, eine „lesbare“ Geschichte zu erzählen. (Hinweise auf die jeweils im Vordergrund stehenden „Energien“ geben die Kapitelüberschriften.) Nach dem Bildungsprinzip des psychologischen Entwicklungsromans beschreibe ich die Individuation; beginnend mit Omnipotenzphantasien, begleitenden männlichen und weiblichen Energien, Entstehung von Ich-Bewusstsein über Sturm und Drang bis zur Entdeckung der Innerlichkeit und befreiender Emanzipation.


    Du hast davon beim Lesen nichts gemerkt. Solltest Du ja auch nicht. Wie bei einem guten Wein geht es auch bei einem guten Buch erst mal nicht darum, das Webmuster zu erkennen, sondern sich darauf einzulassen.


    Mein Ziel war es, dem Leser zur eigenen Positionsfindung möglichst viele relevante Informationen und Stimmungen des Systems Terroir zu vermitteln. Mal dissoziiert im Wissenschaftsdeutsch, mal emotional und engagiert. Die von dir vermisste „sinnhafte Engführung“ tritt als mein zaghafter eigener Versuch daher erst im Epilog in den Vordergrund – um allerdings gleich wieder relativiert zu werden.


    Ich ziehe mir mal für einen Augenblick die von dir zugeworfene Guru-Jacke an: Ein Rattenfänger labert ex cathedra von der ewigen Wahrheit. Ein wirklicher Guru weist darauf hin, dass jeder seine Nuss selbst zu knacken hat.


    Mit einem vorweihnachtlichen „Prosit“ auf alle Nussknacker, Dein Reinhard 

  • 21. Dez. 2011 by MV

    Posted on 21. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    Du würdest mich missverstehen, solltest Du glauben, ich warte nur darauf, bis Du eine Definition von Terroir bringst – um sie Dir dann in bester dekontruktiver Manier um die Ohren zu hauen. Worum es mir vielmehr geht: wir alle benutzen den Begriff Terroir, und wenn schon eine Definition schwer möglich ist, so kann man sich im Gebrauch des Begriffes doch klar darüber werden, welche – und seien es nur gefühlte – Inhalte mitschwingen.


    Gestern, am ersten Tag mit Schneechaos, musste ich nach Stuttgart und so eine Autofahrt dauert dann bekanntlich länger. Beim gefühlt fünften quergestellten LKW drehte ich aus purer Langeweile an den Radioknöpfen und bekam einen Weihnachtsgeschenke-Buchtipp zu hören über eine Biographie von Amy Winehouse. Geschrieben von zwei deutschen Journalisten. Sie bescheinigen der Winehouse eine schwere Persönlichkeitsstörung und ein Borderline-Syndrom. Ich war kurz davor, das Radiogerät einzutreten! Was, so schrie ich wütend in die leere Fahrerkabine, bilden sich solche eitlen Lackel mit ihrem lächerlich-langweiligen Leben eigentlich ein, über jemanden wie Amy Winehouse zu urteilen? Und wer will so einen Schrott lesen? Natürlich hatte Amy Winehouse eine schwere Persönlichkeitsstörung. Alles Große entsteht aus einer schweren Störung. Das ist das Wesen der Größe. Und der gebildete Spießer pappt da dann “Borderline” drauf und ist froh, zu den Gesunden zu gehören.


    Warum ich das schreibe? Gäbe es in der Musik Terroir, Amy Winehouse’ Musik wäre Terroirmusik. Es ist diese Komposition aus Verschwendung, Unglück, Wahnsinn und Zärtlichkeit verbunden mit dem unbedingten Willen zu einer authentischen Form, die mich an das Konstrukt Terroir erinnerte.


    Ich habe von jeher den Eindruck, dass Terroir Menschenwerk ist. Terroir gibt es gar nicht, sondern es ist eine innere Einstellung, ein geistiges Konstrukt, wobei das Augenmerk mehr auf geistig als auf Konstrukt liegt. Damit meine ich: Terroir ist eine Idee, die im Menschen geboren wird, aber nicht wie eine mathematische Formel, die ewig gilt, sondern als Idee, die aus etwas entspringt, was in der Natur liegt, aus etwas Natürlichem, zumindest Vorgefundenem und sich Veränderndem. Ähnlich wie Michelangelo, der über seinen David sagte, dass er die Form nur aus dem Marmorblock befreien musste, befreit auch der Winzer seinen Wein aus der Form des Weinbergs, der Trau- ben und des Jahrgangs.


    Nur: macht das nicht jeder Winzer? Eben nicht! Denn die meisten behandeln Wein mit einer mathematischen Formel, die ewig gelten soll. Wein nach Rezept, und sei es nur dieses, den vermeintlichen Kundengeschmack befriedigen zu wollen. Aber wo bleiben da Verschwendung, Unglück, Wahnsinn und Zärtlichkeit? Ich halte diese Parameter übrigens für die Grundpfeiler der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Ohne Wahnsinn keine Kreativität. Ohne Unglück kein Verändern der Zustande. Ohne Verschwendung keine Kraftanstrengung zur Form. Ohne Zärtlichkeit kein Verständnis der Natur. Ob man das in einem Wein schmecken kann? Ob man das in einem Wein überhaupt schmecken sollte? Schmeckt so ein Wein überhaupt gut oder geht derart die Sinnlichkeit in einem Wein flöten?


    Fragen über Fragen...


    Ich wünsche Dir und den Deinen besinnliche Tage, Markus 

  • 24. Dez. 2011 by RL

    Posted on 24. Dezember 2011 by Reinhard Löwenstein



    Lieber Markus, ich verstehe dich nicht „miss“ was die Definitionsfrage angeht. Ich versuche dich nach wie vor zu überzeugen, dass die von dir vorgeschlagene „sinnhafte Engführung“ nicht zielführend ist und wir um einen wie im Buch vorgeschlagenen „offenen“ Ansatz nicht herumkommen. Aber vielleicht sollte ich nicht schreiben offen sondern offener, denn in einigen Bereichen schlage ich Pflöcke ein, die dir scheinbar nicht so wichtig sind.


    Vieles, was du über Amy Winehouse und Terroir im weiteren Sinne schreibst, teile ich mit dir. Dein “Ja, Terroir ist eine Idee, die im Menschen geboren…“ spiegelt den Aufbau meines Buches. Aber, so schön wie sie ist, die Allegorie des hüllenabschlagenden Michelangelos. Sie ist mir zu eng gefasst, zeigt nur eine Seite der Medaille. Ganz im Zeitgeist der Renaissance steht die Suche nach der Weisheit der Alten, das Ding mit dem Wesenkern im Vordergrund. Aber wo bleibt in deinem System der Kellerberg von F.X. Pichler? Hat er sein Terroirweinsein verwirkt, weil sein Meister sagt: „Ein guter Wein beginnt im Kopf“? Michelangelo habe ich im Buch daher August Rodin gegen- über gestellt. Beim „Denker“ wurde keine Hülle abgeschlagen sondern eine Form konstruiert. Eine schöne Form, eine die uns tief berührt, die uns aber auch nachdenklich werden lässt. Weit mehr als beim David verlieren wir uns nicht nur in der Schönheit sondern rutschen wir auch in eine intellektuelle Auseinandersetzung, fühlen wir uns als Individuum angesprochen, haben wir die Chance auf Entwicklung, auf Veränderung.


    Terroirwein als Gegenpol zum Industriewein. Das ist für mich Emanzipation als Antipod zu Volksverdummung. Meine Gretchenfrage lautet: Ist der Wein – und damit meine ich natürlich nicht nur den Inhalt der Flasche sondern auch das ganze Drum und Dran – ehrlich, authentisch, und transparent? Erlaubt er mir ein genussvolles Fallenlassen ohne in reaktionären Sümpfen oder verlogenen Marketingwelten aufzuwachen? Kann er einen positiven Beitrag zu meiner Emanzipation und zur Entwicklung unserer Kultur leisten?


    In dieser Frage bin ich scheinbar stringenter und enger in der Definition wie du: Wie in der Romantik – daher zitiere ich gegen Ende des Buches immer wieder die Philosophen dieser Zeit – kann ein „zurück zur Natur“ für den Einzelnen nur dann frucht- bar sein, wenn es nicht mit Regression und dem Ich-Tod im großen Schlund der Mutter Natur verbunden ist, sondern in eine positive Persönlichkeitsentwicklung und einer Erweiterung des eigenen Bewusstseins mündet. Wein ist so mehr als eine Allegorie, er ist eines der wichtigen Symbole für Weihnachten, für die Geburt von Licht, für die Befreiung aus der Dunkelheit. Hin zum Bewusstsein, hin zu dem, was wir gemeinhin als „das Menschliche“ nennen.


    Wenn Rudolf Steiner und seine Epigonen Wein für die Entwicklung des psychologischen Ichs verantwortlich machen, den Alkohol aus diesem Grunde bekämpfen und vom Zurück in voratlantischen Zeiten resp. Bewusstseinszustände der unbewussten Gruppenseele nicht nur träumen, sondern mit diesem Gedankengut auch noch hau- sieren gehen… Da ist bei mir Schluss mit Lustig.


    Das verteufelte „Ich bin“, das Licht – ich liebe es sehr!


    Fröhliche Weihnachten, Dein Reinhard 


  • 28. Dez. 2011 by MV

    Posted on 28. Dezember 2011 by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    jetzt haust Du wieder auf den ollen Steiner ein und das nervt mich. Damit sind wir nämlich bei einem meiner Hauptkritikpunkte Deines Buches. Du hast da einfach Un- recht und Du suchst Dir die falschen Feinde. Das bedaure ich sehr.


    Um es mal auf den Punkt zu Pbringen: Rudolf Steiner hat ein dreigeschossiges Haus gebaut. Im Erdgeschoss befindet sich das, was er seine “Philosophie der Freiheit” nannte. Da geht es einfach nur darum, dass jeder durch das Denken zu einem Eindruck der Freiheit gelangen kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Mittelgeschoss sind die Anleitungen, die Rudolf Steiner zum Schulungsweg gegeben hat. Für ihn waren sie der Nukleus der Anthroposophie. Da geht es ganz simpel um solche Übungen wie “Unbefangenheit”, “Positivität” oder “Gleichmut”. Alles kein Hexenwerk, sondern durchaus tagestaugliche Eigenschaften, die man derart erwirbt. Erst die letzte seiner Übungen betrifft dann das Herzstück der Esoterik, die Meditation, die Steiner als erst anwendbar und durchführbar ansah, wenn der Meditierende die anderen Seelenübungen zur Genüge durchdekliniert hatte. Das ist insofern nicht ganz unwichtig, alldieweil die Meditation am ENDE eines Weges steht und nicht an seinem Anfang.


    Das Oberhaus besteht dann aus denjenigen Erkenntnissen, die Steiner durch eben seine esoterische Schulung gemeint hatte herausgefunden zu haben. Zu diesen Ergebnissen kann man stehen wie man will. Ein Gegner nannte sie mal “das Disneyland der Religionen”. So what! Sie sind eher sehr kreative Denkleistungen, über deren bizarre Anmutung ich manchmal herzlich lachen kann. Anregend und kreativ sind sie nichts- destotrotz. Zumindest für mich und scheinbar auch für andere, die Kuhhörner im Weinberg vergraben. Dennoch gilt: Humor! Humor! Nichts ist wichtiger bei Esoterik als Humor.


    Und ja, dann gibt es eine Handvoll Stellen in seinem fast 400-bändigen Werk (das aus 90% mitgeschriebenen Vorträgen besteht), die völliger Quatsch sind. Sie werden nach 100 Jahren weder richtiger noch besser und ich verstehe den ganzen Krampf der Anthroposophen auch nicht, diese Stellen ständig verteidigen zu müssen. Ich verstehe aber auch die Gegner nicht, diese paar wenigen Stellen ständig anführen zu müssen. Die sicher berühmteste Stelle, die Du ja auch zitierst, ist die, wo er über den Einfluss der “Neger” spricht. Die ist in ihrer Absurdität und damaligen Zeitbezogenheit (wir schreiben die Jahre um den 1. Weltkrieg) nicht zu überbieten. Daraus den Schluss zu ziehen, Steiner wäre Rassist oder Faschist – das wiederum ist so, als würde man die Komplexität eines Karl Marx oder Friedrich Nietzsche ausschließlich auf ihre antisemitischen Einwürfe reduzieren.


    Kommen wir zum Alkohol. Noch in einem Fragebogen von 1892 gibt Rudolf Steiner als Lieblingsgetränk Cognac und schwarzen Kaffee an. Das zum einen. Zum anderen spricht er an ganz wenigen (5!) Stellen (in einem 400-bändigen Werk!) über die Wirkung des Alkohols, so wie er über die Wirkung von Schweinefleisch oder Vegetarismus spricht. Ist daraus ein Dogma abzuleiten? Deswegen zum Vegetarier oder Antialkoholiker zu werden, dazu besteht gar kein Anlass. Warum auch? Die Wirkung von Alkohol kennen wir wohl alle zur Genüge. Muss man die jetzt verschweigen, nur weil Herr Löwenstein sein Geld mit Wein verdient? Folge Deinem eigenen Stern und nicht irgendwelchen vorgegebenen…


    Und ein “Zurück zur Natur” hat Steiner niemals gepredigt. Nochmals: wir schreiben die Jahre um den 1. Weltkrieg, als ein Haufen naturbezogener Erweckungsbewegungen durch die Lande marschierte: die Reformhäusler, die Freikörperkulturler, die Wandervögel undsoweiterundsofort. An keiner Stelle macht sich Rudolf Steiner mit diesen Bewegungen gemein. Und dass sein Landwirtschaftlicher Kurs, die Grundlage der bio-dynamischen Landwirtschaft, auf Gut Koberwitz gehalten wurde, ist auch kein Zufall. Denn das schlesische Gut hatte eine Größe von mehreren tausend Hektar. Erst diese relevante Größe, die fast zu einer industriellen Produktion zwang, war interessant genug, um auf biologisch-dynamisch umgestellt zu werden. Mit zurück in den Schoß der Mutter Natur hat das beileibe nichts zu tun. Vielmehr um die Vermählung zwischen moderner Landwirtschaft und kosmischen Einflüssen. Klingt riesig, ist es wohl auch. Eine Art “Prä-Discounter-Sehnsucht” zu unterstellen, ist an den Haaren herbeigezogen.


    Schließlich die Gruppenseele, die Du anführst, nun ja, sie ist wohl empirisch nicht zu widerlegen. Dass aber Rudolf Steiner von der Gruppenseele sehnsüchtig träumen würde und zu ihr zurück wollte, das ist jetzt wirklich ausgemachter Quatsch. Die Gruppenseele steht dem Individualitätsprinzip diametral entgegen. Denken und Freiheit liegen aber ausschließlich beim Individuum. Und das ist der Ausgangspunkt von Stei- ners Schaffen. Wenn man irgendeine Sehnsucht von ihm benennen wollte, wäre es wohl die zu einem “kreativen Egoismus” oder zu einer Überwindung des Ordnungsprinzips.


    Wie kommen wir jetzt zum Terroir zurück? Ganz einfach! Du fragst, ob denn der Kellerberg von Pichler kein Terroirwein sei. Dazu eine Gegenfrage: warum ist der Kellerberg von Pichler denn für Dich ein Terroirwein?


    Sorry, dass es etwas länger geworden ist. Es musste sein!


    Es grüßt Dich Markus 

  • 03. Jan. 2012 by RL
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  • 04. Jan. 2012 by MV

    Posted on  04. Januar by Markus Vahlefeld



    Lieber Reinhard,


    sich wegen eines Fehlers in Behandlung zu begeben, dazu besteht überhaupt kein Anlass und ich halte es da mit Thomas Jefferson: Der Irrtum kann toleriert werden, wo die Vernunft frei ist, ihn zu bekämpfen. Let’s agree to differ.


    Du willst Butter bei die Fische des Terroirs, sei’s drum!


    Wenn ich den Begriff Terroir sich entwickeln lasse, kommt ein zweiter Begriff hinzu, der leider mindestens so nebulös ist wie der, den er erklären oder zumindest abstützen soll. Es ist der Begriff der Typizität. Ein Terroirwein ist ein regionentypischer Wein. Das setzt zum einen voraus, dass ich als Weinliebhaber, Verkoster oder einfach Wein- trinker andere Weine der Region kenne und eine Geschmacksidee der regionalen Typizität in mir trage – sozusagen Goethes Urpflanze auf den Wein übertrage: welches ist das Urbild des Weins aus eben dieser Region?


    Zum anderen bedeutet Typizität aber auch, dass es diese “typischen” Weine vielleicht noch gar nicht gibt oder schon lange nicht mehr gibt. Typizität klingt so absolut und gemeißelt, ist aber vielmehr eine Idee, die ständigem Wandel unterworfen ist. Das fängt mit dem Ist-Zustand, also der normativen Kraft des Faktischen an, geht über die sich verändernden klimatischen Bedingungen bis hin zu neuen Erkenntnissen, Möglichkeiten und sogar Moden in der Weinbereitung wie auch Weinrezeption. Typizität, wie ich sie verstehe, ist nicht Wein zu machen, wie er vor 100 oder von mir aus auch 1.000 Jahren gemacht wurde, sondern im Weinbereitungsprozess einem eigenen Ur- bild zu folgen, das man schlüssig und transparent darlegen kann.


    Wenn alle Winzer einer Region über Jahrzehnte hinweg weinbau- und kellertechnische Maßnahmen anwenden, die zwar eine scheinbare Typizität herstellen, aber in ihrem Resultat zu Eindimensionalität, Gleichklang und Belanglosigkeit führen, dann mögen irgendwann all diese Weine als typisch gelten, aber es fehlt eben eine Idee der Typizität. Das Urbild verwelkt.


    Die Mosel ist ja ein ziemlich gutes Beispiel für den Verlust und schließlichen Wiedergewinn von Typizität, der ohne die Löwensteins und Molitore und Niewodniczanskis und wie sie alle heißen, gar nicht möglich gewesen wäre.


    Mir geht es dabei viel weniger um irgendwelche Bio- oder Demeter-Siegel, als vielmehr um Transparenz und darum, dass der Winzer die Maßnahmen, die er ergreift, einzig aus dem Umstand heraus ergreift, dass sie zur Verwirklichung dieses Urbildes notwendig sind.


    Kommen wir zum Kellerberg, den Du ansprichst. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, welchem Urbild Weine, die nur dadurch extremst spät gelesen werden konnten, weil sie mit einer hübschen Menge an Botrytiziden gespritzt wurden, folgen sollten. Das mögen beeindruckende Weine sein, aber sie bauen auf einer Lüge auf.


    Die Winzer versenden bunte Bildchen ihrer November-Träubchen an ihre Kunden, würden aber nie und nimmer ehrlich sagen, wieso diese Träubchen Mitte November noch so verdammt gesund aussehen. Der Eindruck, den diese tollen Weine in mir hinterlassen, wandelt sich dann in Zorn über die Lüge, die diesem Eindruck innewohnt. Und natürlich verwandelt der Zorn mein Rezeptionsverhalten. Ich mag beeindruckt sein, aber nicht berührt.


    Aus diesem Grund ist der Kellerberg kein Terroirwein für mich. Er mag ein Kultwein sein, aber kein Terroirwein. Ihm fehlt das urbildhaft-Typische und die weinmacherische Transparenz. Damit fehlen ihm die beiden wichtigsten Kriterien für einen Terroirwein. Zuallererst ist ein Terroirwein für mich ein stolzes Produkt, das nicht nur auf seine Herkunft verweist, sondern auch mit Stolz seine Herstellung transparent macht.


    Euch nun schöne Tage, wo auch immer Ihr seid!


    Markus 

  • 13. Jan. 2012 by RL

    Posted on  13. Januar by Reinhard Löwenstein


    Lieber  Markus,


    mit dem Begriff der Typizität ist es wie mit der knusprigen Haut des Flossentieres, mit dem du deinen letzten Beitrag geschmückt hast. Sieht erst mal gut aus.


    Typizität ist ein schönes Wort. Es gehört in den Begriffskanon von Natürlichkeit, Heimat, Tradition, Regionalität… Das klingt gut, da wird es einem warm um’s Herz. In der “cloud” – wie man das jetzt im web-Zeitalter nennen könnte -, deren Sinnzusammenhänge und Gefühle das beschreiben, was ich Terroir nenne, spielen sie eine wichtige Rolle. Aber eine völlig andere wie bei dir.


    In meinem ersten Beitrag habe ich dich gefragt, durch welche seltsame Brille Du denn mein Buch gelesen hast. Jetzt, wo du mit Goethe kommst, wird das immer klarer: Es ist die Steinerbrille.


    Urbild, Entwicklung der Urpflanze… Dann der Sündenfall und das Urbild verwelkt... Markus, Markus… Das ist Schnee von Vorgestern.


    Kein Wunder, dass du beim Kellerberg kein Terroir findest wenn du vom hüllenabschlagenden Michelangelo träumst. Auch ich liebe und benutze diese Metapher gerne und oft. Aber nicht ohne die andere Seite der Medaille zu vergessen: Die emanzipative Verwirklichung des Individuums in einem schöpferischen Prozess.


    Meditiere über den Koan “wie schmeckte der Kellerberg, bevor ihn der Mensch gemacht hat”. Dies ist mein im Buch gemachter Vorschlag zum Umgang mit dem Begriff Typizität. Diese letztlich produktive Widersprüchlichkeit hat in deinem Weltbild keinen Platz. m Gegenteil, du klebst an einem längst überholten Bild von Definition wenn du bedauerst, dass Der Begriff Typizität mindestens genauso nebulös sei, wie der Begriff Terroir. Genau die gegenteilige Haltung macht Sinn. Terroir und auch Typizität sind gerade deshalb passende Begriffe, weil sie nebulös sind.


    Warum? Weil sie damit der spannenden Komplexität von Kultur gerecht werden. Siehe die Ausführungen in meinem Buch.


    Nein, Markus, dein Fisch war nicht mit guter Butter gebraten, das war ein billiges Palmöl. Aber nichts gegen die Palme! Die spendet uns gerade wohltuenden tropischen Schatten.


    Bis bald, Reinhard 

  • 14. Jan. 2012 by MV

    Posted on  14. Januar by Markus Vahlefeld


    Lieber Reinhard,


    jetzt hast Du mich überrascht. Ob es an zu viel Sonne lag oder dem, was ich Deine Steiner-Obsession nenne? Ich schreibe Goethe und Du kommst mit Steiner. Ich glaube, dass es zielführender wäre, wir würden unsere Urteile und Vorurteile zu Steiner außen vor lassen und uns wirklich mit dem beschäftigen, was WIR schreiben. Mir die dep- perte und rückwärtsgewandte Steiner-Jünger-Position zuzuweisen, ist zwar argumen- tativ schlau – weil Du dann auf meine Argumente nicht eingehen musst –, entlarvt sich aber als Luftballon, wenn Du selbst die Butter bei die Fische nicht zu geben bereit bist.


    Du schreibst von nebulös, cloud und Web2.0. All das ist für Dich Kultur und Terroir. Zwar verstehe ich beim besten Willen nicht, was Du damit meinst, und freue mich wirklich auf eine nähere Erläuterung, habe aber das Gefühl, dass wir da im Nukleus unserer Differenz angekommen sind. Unserer Differenz, auch was Dein Buch angeht.


    Aber wie gesagt, das ist nur so ein Gefühl, denn nebulös und cloud und Terroir sind ja – „irgendwie“ – nur “gefühlte” Wahrheiten. Ich dagegen, völlig veraltet und erkenntnistheoretisch überholt, hänge immer noch der “Arbeit am Begriff” nach. Und wenn, wie Du schreibst, Typizität und Terroir gerade deshalb passende Begriffe sind, WEIL sie nebulös sind, dann gebe ich Dir insoweit Recht, dass ich es dann schön fände, wenn wir die Begriffe nutzbar machten, indem wie sie definierten und sei es ganz strukturalistisch eben über unsere Nutzung. Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Arbeit am Begriff bedeutet nicht irgendeine Gleichung aufzustellen. Für mich gehören Humor und Poesie unbedingt mit zur Arbeit am Begriff. Tarot und Mystik dagegen weniger.


    Adorno warf mal dem Heidegger den “Jargon der Eigentlichkeit” vor. Bisher kann ich nur konstatieren, dass Du den gegenteiligen “Jargon des Irgendwie” pflegst. Irgendwie passt Terroir schon und Typizität und Nebel und cloud und Web2.0. Magst Du mir mal an einem konkreten Beispiel erläutern, wie das zusammenpassen soll? Am besten am Kellerberg. Wie wäre es?


    Und noch etwas zu dem hüllenabschlagenden Michelangelo. Ja, ich finde das Bild wunderbar. Denn es setzt zum einen nicht nur die handwerkliche Fähigkeit voraus, mit etwas so Abweisendem wie Marmor ideal umgehen zu können, sondern es setzt auch voraus, dass Michelangelo in dem schroffen und mammutgroßen Marmorblock etwas erkannte, sah, schaute, was ihm befreiungswürdig erschien: die Schönheit in der Natur. Zwar möchte ich die Metapher des Künstlers nicht überstrapazieren, wenn ich Winzer und Künstler zusammen nenne, aber der Terroir-Winzer hat eben diese beiden Eigenschaften auch: er verfügt über die handwerklichen Fähigkeiten und er schaut eine Idee im Sinnlichen. Dieser Idee folgt er beim Weinmachen.


    Das muss im Ursprung gar nicht vollbewusst ablaufen, aber da der moderne Winzer jeden seiner Schritte erklären und vor sich rechtfertigen muss – Stichwort: Transparenz –, kristallisiert sich im Ablauf der Zeit und Jahrgänge seine Idee heraus. Für mich als Weinliebhaber ist diese Idee dann schmeckbar. Das ist ein großer Teil des Faszino- sums Wein für mich. Und da macht der Begriff Terroir auch Sinn, weil Terroir eben auch erstmal nur eine Idee ist, die dann in einem Wein sinnlich aufscheint. Was ist denn daran so unemanzipiert?


    Übrigens: darüber zu meditieren, wie der Kellerberg wohl schmeckte, bevor ihn der Mensch gemacht hat, ist genau das, was ich mit Erfassen des Urbildes meine. Es ist eine spannende Meditation. Und wenn sich Urbild und sinnlicher Eindruck des menschengemachten Kellerbergs überlagern, würde ich auch von Terroir sprechen. Daher wiederhole ich meine Frage nochmals: wieso ist der Kellerberg ein Terroirwein für Dich?


    Gespannte Grüße, Markus Markus 

  • 19. Jan. 2012 by RL
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  • 20. Jan. 2012 by MV

    Posted on  20. Januar by Markus Vahlefeld



    Welcome back in Germany, Reinhard!


    Nein, nein, nein! Ich suche ebenfalls mitnichten nach einer “verbindenden Theorie”. Le Terroir c’est moi schrieb ich am Beginn. Und dieses Recht gestehe ich selbstverständlich jedem zu und am meisten jedem Winzer. Er SOLL, nein er MUSS seine Böden, seine Lagen, seine Region in Wein umsetzen und das Spannende an Wein – wie an jedem Kulturprodukt – ist ja, dass der Mensch darin aufscheinen soll. Je mehr er es tut, desto intensiver möchte ich mich mit seinem Wein beschäftigen. Deswegen halte ich von so Konstrukten wie Naturwein nichts, weil damit suggeriert wird, der Mensch könnte aus dem Wein verschwinden. Oftmals tut der Mensch der Natur Gewalt an, dann wird es Weindesign. Und manchmal überlässt der Winzer das Weinmachen zu sehr der Natur, dann wird es ein ungeschwefelter mostiger Anti-Wein.


    Übrigens verstehe ich jetzt Dein Bild der clouds besser. Aber während Du das duale Bild von Terroir und Weindesign bemühst, halte ich mich lieber an das dialektische Prinzip der Trinität. Da gibt es für mich das Weindesign und da gibt es für mich den Naturwein. Beide mögen in ihren fließenden Übergängen mit der Mitte, dem Terroir, verwandt sein, aber selbst gutes Weindesign á la FX Pichler vereitelt für mich eine Terroirerkenntnis. Und bei den an Apfelmost erinnernden Naturweinen geht es mir ähnlich. Was ich bei beiden Weinen festhalten kann: sie docken nicht an dem an, was mir Sinnesfreude bereitet.


    Hinzukommt dass für mich ein Terroirwein eher ein “einfacher” Wein ist. Ein ein- facher Wein im besten Sinne. Ich könnte auch lagenübergreifender Wein schreiben. Denn ein Lagenwein ist ein Lagenwein. Da brauche ich den Begriff des Terroirs nicht zu bemühen. Und dass ein Winzer ein bestimmtes “Urbild” seiner Lage hat und dieses umsetzt, führt dann zu einer Lageninterpretation. Nichts ist spannender als das. Und Pichlers Kellerberg ist sicher eine der möglichen Interpretationen der Lage Kellerberg (auch wenn er für mich mehr die Interpretation eines Riesenweins ist, die dann im "M" konsequent und ohne Lage vervollständigt wird).


    Ein Terroirwein ist ein regionentypischer Wein. Einer, der mehr als nur eine Lage wi- derspiegelt. Und da Du die Befürchtung äußertest, in meinem Weltbild und mit mei- nen Anforderungen dürfte es keinen einzigen Terroirwein geben, so kann ich Dich beruhigen. Beispielsweise ist Dein Schieferterrassen einer meiner liebsten Terroirweine, und auf die Gefahr hin, dass es an Löwenstein-Beweihräucherung grenzt, kann ich Dir auch gerne erklären, warum.


    Der Schieferterrassen ist ein typischer Wein für die Untermosel. Er spiegelt Deine Interpretation der Region wider. Du kannst es auch gerne Heimat nennen. Und: Du gehst mit dem Konzept des Schieferterrassen transparent um. Ich habe mich mit Dir, Deinen Weinen und auch anderen Weinen der Untermosel beschäftigt. Deine Interpretation ist schlüssig und vor allem: sinnlich toll. Und Du bindest mir keinen Mythos auf, was ich sehr schätze. Seit Du irgendwann mal schriebst, dass Du ab und an für die Terrassenlagen Herbizide benutzen müsstest, trinke ich den Wein mit noch größerer Freude, weil mir Deine Erklärung einleuchtete und ich Ehrlichkeit und Transparenz für einen Riesenfortschritt der Moderne halte. Das ist meine Art der Emanzipation. Übrigens gehören Widersprüche zu diesem Riesenfortschritt dazu. Wo mir Winzer die Widersprüche mit irgendeinem weinheiligen BlaBla wegnivellieren wollen, werde ich immer sehr misstrauisch.


    Nun ist es aber ungerecht, gerade Deinen Schieferterrassen hier ins Feld zu führen. Denn was sollst Du jetzt darauf antworten? Daher möchte ich Dir noch zwei völlig unterschiedliche Terroirweine nennen. Der eine ist der Rotschiefer vom Weingut St. Antony. Und der andere ist der Grand Vin von Pontet Canet. Dass in einem Jahrgang wie 2009 zwischen den beiden Weinen eine Preisdifferenz von mehr als 100 Euro liegt, ist zwar bedauerlich, widerspricht aber meinem Konzept vom Terroirwein nicht.


    Ein Hoch auf die Widersprüche, Markus 

  • 29. Jan. 2012 by RL

    Posted on  29. Januar by Reinhard Löwenstein


    Du, Markus, es ist mir gar nicht so unrecht, wenn du unseren Schieferterrassen als Beispiel nimmst. Unangenehm wäre es mir, über einen Wein zu diskutieren, der aus meiner Sicht nichts mit Terroir zu tun hat. Dann kommt schnell ein: „der will sich ja nur auf Kosten anderer profilieren“. Das „Herumeiern“ in dieser Frage ist übrigens aus meiner Sicht eine der Schwachstellen meines Buches. Aber ich bin nun mal Winzer…


    Seit 30 Jahren begleitet mich das Thema: Wie weit kann ich in Zeiten der heile-Welt-Projektion mit der von allen geforderten und auch meiner inneren Haltung korrespondierendenn Transparenz gehen? Auf die entsprechenden Sehnsüchte und den moder- nen Ablasshandel bin ich im Buch ja eingegangen. Aber auch wenn das letztlich eine uralte Story und allzu menschlich ist: In der alltäglichen Praxis geht es mir ganz schön auf den Kittel. Einen anständigen Terroirwein will ich herstellen. Habe ich es nötig auf den heile-Welt-Projektionsstrich zu gehen?


    Frustriert von den unsauberen Machenschaften in der Öko-Szene habe ich Mitte der 80er Jahre in einem Befreiungsschlag-Kundenbrief darauf hingewiesen, dass wir mit der organisierten Ökobewegung nichts zu tun haben wollen. Und von Rudolf Steiner haben wir uns ja nun wirklich auch deutlich genug distanziert. Es hat wenig genutzt: In der Projektion ist Heymann-Löwenstein zumindest Öko – wenn nicht Bio-Dyn. Natürlich sind wir stolz auf unsere Ökobilanz und praktizieren mit großer Überzeugung auch allerlei sogenannte „esoterische Spinnereien“. Aber im Hirn der Schubladendenker gibt es keinen Platz für das was einen Terroirwein als Kulturgut ausmachet: In-Frage-stellen, Zweifel, sich an Grenzen reiben. Und letztlich Transparenz.


    Wie auch immer – es freut mich sehr, dass du den Transparenzaspekt unseres Terroirkonzeptes nicht nur verstehst, sondern auch noch gut findest. Und zum Glück sehen das die allermeisten unserer Kunden auch so.


    »Amistad de los seres, transparencia, coro de disciplina, abundancia de flores…«


    Prosit! Trinken wir auf Freud und auf Pablo Neruda. 

  • 01. Feb. 2012 by MV

    Posted on  01. Februar by Markus Vahlefeld


    Mein lieber Reinhard,


    ich hatte es schon geahnt. Du hältst mich wg. Steiner für einen verblendeten Anti-Fundi und ich halte Dich für einen 68er-Eso-Materialisten, aber beim Wein finden wir dann doch zueinander. Und die Liste der Widersprüche ist so herrlich lang. Ist das Kupfer der Ökos wirklich besser als ein wenig Herbizid? Und warum hat das ökologisch fundierte Verbot von DDT in den afrikanischen Ländern wieder zur Erhöhung der Malaria- und Schlafkranken geführt (DDT tötet nämlich auch die Tsetse-Fliege)? Und ist der ökologische Bio-Sprit wirklich besser, wenn dafür dringend benötigte Landwirtschaftsflächen in den Schwellenländern statt mit Nahrungsmitteln mit Spritgebern bepflanzt werden und dadurch die Lebensmittelpreise exorbitant ansteigen?


    Machen wir es andersrum: ich bin kein Protestant! Mir ist das “die Welt retten” aus irgendeinem halbreligiösen schlechten Gewissen, das dem modernen Menschen die Schuld an jedem Missstand dieser Welt gibt, total fremd. Nun bin ich aber auch kein Katholik, der allein auf die Gnade Gottes warten müsste. Irgendwo dazwischen – zwischen Verantwortung und Pragmatismus – verorte ich meine Ideale. Und dann tritt etwas hinzu, was ich als etwas zutiefst Urchristliches ansehe. Wir brechen keine Gesetze, aber wir erweitern sie um die Liebe. So sehe ich es auch beim Wein und – um bei unserem Thema zu bleiben – beim Terroir.


    Es gibt keine Weingesetze, die nicht durch die Liebe zum Wein erweitert werden könnten. Und wenn jemand wie Du aus diesem Grund ein Herbizid spritzt, sehe ich das nicht als Makel, sondern erfreue mich an den Widersprüchen, die uns allen das Leben so schwer machen. Aber dafür gibt es ja zum Glück den Wein!


    So hat am Ende Terroir für mich nichts mit Bio oder Kuhhörnern zu tun, sondern mit der Liebe zu dem, was der Winzer macht. Und es gibt eine sehr reife Liebe, die sich jeder Sentimentalität (“Heile-Welt”) auf der einen Seite und Zynismus (“Design”) auf der anderen Seite enthalten kann. Und sobald ich die spüre, beginne ich mich für einen Winzer zu interessieren. Und wenn er/sie es dann noch schafft, diese Hingabe und Zuneigung in den Weinen sinnlich aufscheinen zu lassen, würde ich zaghaft wagen, von Terroir zu sprechen. To make a long story short: deswegen ist Dein Schieferterrassen ein Terroirwein für mich. Du siehst: soooo hoch sind meine Ansprüche gar nicht.


    Trotzdem muss ich das harmonische Bild der Verbrüderung auch wieder stören. In Deinem letzten Post hast Du nämlich den – gottlob – letzten Kritikpunkt an Deinem Buch bereits angedeutet (“Herumeiern”). Da nehme ich ein Buch von dem bekannten Winzer Reinhard Löwenstein in die Hand und lese es von vorne bis hinten durch und erfahre nichts aber auch gar nichts über die Weine von Reinhard Löwenstein. So blieb das zugegeben etwas despektierlich ausgedrückte “Onkel Reinhard erklärt die Wein- welt” übrig, weil eben die Lücke “Herr Löwenstein schildert seinen eigenen Weinansatz” weiterhin klaffte.


    Ich kann mir vorstellen, dass Du Dein Buch nicht als Marketinginstrument Deiner Weine benutzen wolltest. Dass Du damit aber ein redliches Interesse des Lesers unbefriedigt lässt, halte ich weiterhin für einen Fehler vor allem vor dem Hintergrund, dass allein das Persönliche das Liebenswerte ist. Ein wenig kam es mir so vor, wie wenn ich ein Buch von Michael Schumacher lese, in dem er kenntnisreich über den Verbrennungsmotor schreibt, aber seine Jahre bei Ferrari mit keinem Wort erwähnt. Das wäre doch komisch, oder?


    Ich proste auf die “abundancia de flores” und den erotischsten Dichter des 20. Jahrhunderts zurück, Markus 

  • 08. Jan. 2012 by RL

    Posted on  08. Januar by Reinhard Löwenstein


    Markus,


    da nimmst du also mein Buch in die Hand und bist gefrustet, nichts über unsere Weine zu erfahren. Schlimmer noch: Durch mein Herumeiern habe ich d. E. sogar redliches Leserinteresse unbefriedigt gelassen. Was Du zwar irgendwie verstehen kannst weil ich ja mit dem Buch nicht für unsere Weine werben wollte, aber…


    Der Reihe nach. Ich sehe mich erstens nicht als Leserbedürfnisbefriediger. Zu einem Herumeiern wäre es zweitens dann gekommen, wenn ich vom Titel abgekommen immer wieder ein „bei uns im Weingut machen wir das so und so aber man kann es natürlich auch anders sehen“ eingeflochten hätte. Der redliche Leser kann sich drittens nicht beschweren, denn das in Titel, Untertitel und Vorwort gegebene Versprechen habe ich eingelöst. Und ganz im Gegenteil zu deiner empathischen Projektion habe ich viertens die Chuzpe ein Buch zu schreiben, welches natürlich auch dazu beitragen soll, dass wir mehr Wein verkaufen.


    Aber bleiben wir noch ein wenig bei Freud: „…erlaubt als organoleptischer Rorschachtest die Projektion vieler Seelenzustände.“ Was ich im Buch über Terroirwein schreibe, trifft scheinbar auch auf den Autor selbst zu. Nachdem Du mich neulich über meine Neurosenstruktur aufgeklärt hast, folgt jetzt die politische Standortbestimmung: Ich bin also ein 68er Eso-Materialist. Voilà.


    Und was für eine herrliche Heile-Welt-Projektion ins Urchristentum! Das ist ja wie Sonntags von der Kanzel: „Wir brechen keine Gesetzte sondern erweitern sie um die Liebe“. Mon Dieu, die jüdischen Sekten haben seinerzeit ganz ordentlich Gesetzte gebrochen – und wurden entsprechend schikaniert. Und als sie damit aufhörten um sich mehr auf das Jenseits zu fixieren, konnte das Christentum zur Staatsdoktrin avancieren und fortan ganz legal Gesetzte brechen.


    Das Christentum hat mit Terroir eines gemeinsam: Als Softdroge ist es super geeignet zum Verschleiern und Verkleistern. Wenn aber das T-Wort einen Sinn macht, dann nicht um Sand in die Augen sondern um Sand ins Getriebe zu streuen, dann nicht als Fetisch intellektueller Masturbation sondern als Gegenbewegung zum perversen Food- und Mind-Design. Eine Bewegung die sich, wenn sie erfolgreich sein will, in der Tat – da bin ich zumindest semantisch ganz bei Dir – aus der Liebe nährt. Aus der Liebe zum Leben, der Liebe zu den Menschen, der Liebe zur Heimat. Sie ist, wie ich das in Kapitel neun beschrieben habe, aber nicht nur eine Reise nach Innen sondern auch eine Reise nach Außen und kann letztlich nur dann erfolgreich sein, wenn sie Grundlegendes verändert, wenn sie Gesetzte bricht: Das in unserer Gesellschaft legitimierte Recht zur Ausbeutung von Mensch und Natur, zur Manipulation durch die Medien, zur Lüge im Marketing.


    Ein Prosit auf zwei große Veränderer, ein Prosit auf Freud, ein Prosit auf Marx. Reinhard 

  • 10. Feb. 2012 by MV

    Posted on  10. Februar by Markus Vahlefeld


    Holla Reinhard,


    jetzt bist Du auf Krawall gebürstet. Mir soll es Recht sein, auch wenn mein Versuch, Harmonie herzustellen, keiner Laune geschuldet war, sondern eher der Erkenntnis, dass wir beim Wein eventuell doch zueinander finden. Natürlich hast Du Recht, dass mein Satz von der Erweiterung der Gesetze etwas staatstragend daherkam. Da ich aber ganz und gar nicht konfessionell denke, gehen Deine Anwürfe, was das kirchliche Christentum angeht, an mir vorbei. Denn in der Sache, so mein Eindruck, stimmst Du mir ja zu, wenn es darum geht, die ideellen Messlatten an Terroirweine zwar hoch anzusetzen, aber in der Realität dann doch das Ideale durch das Mögliche zu erweitern.


    Und das mit dem 68er-Eso-Materialisten ist halt auch so ein Eindruck von mir. Denn Deine Ikonen – Freud, Marx, Buddha, Neruda – deuten alle auf die Entwicklungs- schiene der 68er-Bewegung, die ihren ideologischen Stalinismus um die religionser- setzende Esoteriktoleranz erweitert hat. Das riecht zwar in meinen Augen etwas gestrig und unterschlägt die Akzente, die ein Blumenberg, Popper oder Luhmann gesetzt haben, aber hübsch anzuschauen sind Deine Ikonen als Teil unserer Popkultur allemal.


    Ich möchte lieber auf etwas zurückkommen, wo für mich noch Klärungsbedarf herrscht. Du schriebst, dass Du gerne über den Koan “wie schmeckte der Kellerberg, bevor ihn der Mensch gemacht hat” meditierst, widersprachst aber meiner Ansicht, dass eben mit genau dieser Meditation in Dir ein “Urbild” erwächst. Vielmehr merktest Du, dass es einen “Urkellerberg” gar nicht geben könne. Da mag ich Dir gar nicht widersprechen, denn das eine schließt ja das andere gar nicht aus. Das Urbild, was man durch diese Meditation erhält, wird nie und nimmer (materiell) real werden. Es ist eine rein ideelle Realität, die sich nie materialisiert. Es ist eine Idee, die, je öfter man (in dem Fall: der Winzer) im Kellerberg steht, sich desto mehr mit Informationen und Details auflädt. Diese Idee dann in ein so vergängliches Produkt wie Wein zu über- setzen, ist halt die hohe Schule des Winzers. Ich möchte dennoch vorerst dabei bleiben: am Beginn steht die Idee, die sich dann durch Einflüsse wie Klonauswahl, Jahrgangsverlauf oder Kellerarbeit mal mehr, mal weniger ideal materialisiert.


    Stimmst Du mir bis dahin zu? Falls nicht, warum sollte man sonst über den Koan “wie schmeckte der Kellerberg, bevor ihn der Mensch gemacht hat?” meditieren? Doch nicht aus Zeitvertreib? Bis hierhin ist es jedoch ein Allgemeinplatz. Für mich entscheidend ist das Folgende: jede Handlung, jede Technik, die der Winzer wählt, bleibt aufgehängt an den Marionettenfäden seiner Idee. Es muss also einen Zusammenhang zwischen der “Meditation” und den einzelnen Schritten innerhalb der Bereitstellung des Weins geben (das klingt jetzt zugegebenermaßen recht technokratisch – ich hoffe, Du siehst mir das nach). Mit jedem Schritt, zu dem sich der Winzer entschließt, schließt er ja Dutzende andere Handlungsmöglichkeiten aus. Was also treibt ihn zu eben jenem Entschluss? Pragmatismus? Dann dürfte dieser Entschluss nicht schmeckbar sein. Weindesign? Da beginnt schon die dunkle Seite der Medaille, einfach aus dem Grund, weil dann der Idee ein Fehler innewohnt. Sie hätte sich von dem Ursprungsmaterial “Kellerberg” verabschiedet und es für nötig befunden, etwas Kellerberg-Fremdes hinzuzufügen. Oder blanker Anpassungsdruck nach dem Motto: die Kunden wünschen den Wein halt so? Dann wiederum hätte er sich von seiner Idee entfremdet.


    Erst ein Wein, der zwischen Idee und Endprodukt möglichst wenig Entfremdungsferne aufweist, ist ein Terroirwein für mich. Dass jeder Winzer eine andere Idee hat – natürlich auch eine andere Idee als ich -, macht ja gerade das Persönliche des Weins aus. Nur: eine IDEE muss der Winzer haben. Denn nur über die lässt sich streiten.


    Oder andersherum: wie gehst Du – Reinhard Löwenstein ganz konkret – als Winzer mit “Terroir” um? Es grüßt Dich, Markus 

  • 17. Feb. 2012 by RL

    Posted on  17. Januar by Reinhard Löwenstein


    Markus,


    Da plädiere im Buch für eine „nach vorne gerichtete Rezeption Steiner’scher Gedanken“ um „die sinnvollen Aspekte wie den ganzheitlichen Ansatz und die ökologisch wertvollen Präparate herauspicken und weiterentwickeln ( zu ) können“ – und du machst daraus unlauteres Verteufeln der biodynamischen Produktionsweise.


    Der 68er Bewegung – und damit mir, da du mich ja in diese Schublade steckst – hängst du einen ideologischen Stalinismus an und meine Verweise auf Freud, Marx, Buddha und Neruda riechen in deinen Augen ( sic! ) deshalb „etwas gestrig“, da ich bei den vielen „Modernen“, die zu Wort kommen lasse, die Herren Popper & CO ignoriere.


    Und meine Hinweise auf derartige Seltsamkeiten interpretierst Du als „auf Krawall gebürstet“. Seltsam. Nein, Markus, ich sehe in Dir auch absolut keinen, wie du schreibst, „verblendeten Anti-Fundi“. Eher das Gegenteil. Bei der Energie, mit der du Steiner verteidigst und dafür plädierst, zur Ortung von Terroir mit Michelangelo „nur die Hülle abzuschlagen“ und „Goethes Urpflanze auf den Wein (zu) übertrage(n)“, sehe ich dich mit einem Bein noch tief im Mittelalter stecken.


    Bleiben wir bei der Urpflanze. Nirgends habe ich geschrieben, gerne über besagten Koan mit der Suche nach dem Ur-Geschmack zu meditieren. Warum sollte ich? Es ist aus meiner Sicht eine geeignete Methode das herauszufinden, wovon ich ja so wie so überzeugt bin: Dass es eine Urpflanze à la Goethe und Steiner nicht gibt und nicht geben kann. Du schreibst, dies sei kein Widerspruch da es sich bei dem Urbild ja um eine „rein ideelle Realität, die sich nie materialisiert“ handle. May be… So etwas Ähnliches kenne ich aus dem Weltbild der Ureinwohner Australiens … Aber – sorry – das ist mir zu hoch, da steige ich aus.


    Seit über 500 Jahren lebt meine Familie von den Winninger Weinbergen, die schon von Römern und höchstwahrscheinlich auch Kelten bewirtschaftet wurden. Kein Wunder, dass sich der Weingeschmack als quasi archetypische Gestalt manifestiert hat. „Der Uhlen ist fest, stark, ein Männerwein, der Röttgen ist sanft, blumig, ein Frauen- wein.“ Das begleitet mich seit meiner Kindheit. Und ist – wenn man die Geschlechtszuweisung nicht überstrapaziert – auch heute noch richtig. Neugierig versuche ich seit Jahren herauszufinden, warum das so ist. Wir wissen schon recht viel über Schiefer, Böden und Klima. Aber auch wenn die von mir geforderte Doktorarbeit über einen mikrobiellen Terroirvergleich irgendwann mal geschrieben sein wird – ich glaube nicht, dass wir dann sehr viel mehr wissen. Und eigentlich will ich es auch nicht wissen, denn ich habe keine Lust, dass die geschmackliche Einzigartigkeit unserer Weinberge irgendwann durch geschickte Manipulation kopiert wird.


    Mit unserer ersten Ernte im Jahre 1985 hatten wir den Geschmack von Uhlen Roth Lay und Röttgen dann endlich auch in unseren eigenen Flaschen. Nicht, weil wir irgendetwas Besonderes mit den Trauben angestellt hätten, sondern einfach so. Über die Jahre haben wir dann vieles geändert, auf Schönungen und Zuchthefen verzichtet, Holzfässer gekauft, den Weinen ein immer längeres Hefelager gegönnt… Aber nicht, um hinter irgendeiner Vision von „Typisch“ her zu vinifizieren, sondern weil wir es einfach besser und stimmiger finden, so zu arbeiten. Die Weine schmecken heute immer noch genauso nach Röttgen und Uhlen, aber sie schmecken tiefer, komplexer, haben ein wesentlich größeres Reifepotential und sind damit unserer Meinung nach besser. Es ist schon so, dass ich ab und zu darüber nachdenke, welches Hefelager welchem Terroir am besten steht und ob wir nicht… Aber im Grunde genommen ist mir die Vorstellung einer zielorientierten Vinifikation zutiefst zuwider. Aus ganz egoistischen Gründen. Manchmal muss ich, aber im Grunde genommen will ich gar nicht der „Herr“ über meine Weine sein. Ich will ein Teil von ihnen sein. Ich will im Keller das tun, was ich meine, was gerade getan sein sollte, ohne unbedingt zu wissen warum, wieso, weshalb. Ich will abwarten, will mich überraschen lassen… Meine tiefste Befriedigung als Winzer resultiert aus der Hingabe, erwächst dem mich Fallenlassen, dem mich als ein Teil des Ganzen fühlen.


    Mein lieber Streithahn Markus, ich habe bei unserer Diskussion mittlerweile das Gefühl, „alles gesagt“ zu haben. Wie siehst Du das? 

  • 19. Feb. 2012 by MV

    Posted on 19. Februar 2012 by Markus Vahlefeld



    Lieber Reinhard,


    auch wenn ich finde, dass Du vor allem mit Deinem letzten Beitrag erst mit dem Sprechen richtig angefangen hast, habe ich ebenfalls den Eindruck, dass wir mit unserem Dialog an ein vorläufiges Ende gekommen sind. 


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